Lineares Regelwerk Kurfürstendamm

Als Reaktion auf das negative Erscheinungsbild des Kurfürstendamms Ende der 1970er Jahre (Spiegel 9/1981 Kudamm: Bulettenburgen am Boulevard) ruft der damals zuständige Senator die  Arbeitsgruppe "Gestaltung des öffentlichen Raumes" ins Leben. Ergebnis des Arbeitsprozesses ist das sogenannte "Lineare Regelwerk Kurfürstendamm: Rahmenregelung und Empfehlungen zur Gestaltung des Kurfürstendammes", eine Publikation, die 1984 von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz veröffentlicht wird. Sie umfasst insgesamt drei Bände: Regelwerk, Kurfürstendamm-Rolle, Plätze.  Bis zu diesem Zeitpunkt fehlen formale Leitmotive in Bezug auf Grüngestaltung, Straßenmöbel oder Werbeträgern, die das weltstädtische Ambiente der Flaniermeile stärken würden.

Mit dem Regelwerk wurden umfassende Vorgaben erstellt, die es bei Neu- und Umgestaltungen des öffentlichen Raumes im Bereich des Kurfürstendamms zu beachten gilt. Ziel des Linearen Regelwerks ist nicht, den Kurfürstendamm in den Zustand des 19. Jahrhunderts zurück zu versetzen. Vielmehr sollen die unterschiedlichen Gestaltungsvorstellungen, die im Laufe eines Jahrhunderts den Kurfürstendamm verändert haben, zu einem schlüssigen Ensemble führen. Die Rückgewinnung des weltstädtischen Images soll durch Understatement, formale Zurückhaltung sowie durch gestalterische Definition und Abstimmung sämtlicher formal wirksamer Elemente erreicht werden.

Zehn Grundsätze

Ende der 1980er Jahre wurden aus dem Regelwerk zehn konkrete Grundsätze für die Gestaltung des Kurfürstendamms abgeleitet. Sie konkretisieren die Vorstellungen und Ziele des Regelwerks und sind von Fachämtern zu beachten:
 

Bäume: Ziel ist ein geschlossenes Baumdach auf der Gesamtlänge des Kurfürstendamms. Fehlende Straßenbäume (Platanen) auf dem Fußgängerweg und dem Mittelstreifen sind zu ergänzen.

Pflasterung: Die traditionelle Pflasterung der Bürgersteige ist wiederherzustellen. Bei Reparaturen sind die unterschiedlichen Pflasterungen der Laufzone (mit den Baumrandstreifen) und der ruhiger gehaltenen Bummel- (oder Caféhaus-)Zone zu berücksichtigen. Betonverbundsteine sind zu entfernen.

Aufräumprogramm: Der Kurfürstendamm ist von verstreuten, privaten und öffentlichen Straßenobjekten (z.B. Werbeträger, Hotelvordächer, Kiosk-Container, Pflanz-Schalen) zu befreien. Objekte, die nicht entfallen können (Verkehrszeichen, Hinweisschilder oder Briefkästen), sollten an geeigneten Stellen zusammengefasst werden.

Straßenmobiliar: Straßenmobiliar soll sich dem optischen Gesamteindruck des Boulevards unterordnen. Um die Aufenthaltsqualität des Kurfürstendamms zu steigern, ist die Aufstellung von Bänken wünschenswert. Straßenvitrinen sind ausschließlich entlang der früheren Vorgartengrenze aufzustellen. Vitrinen, die infolge ihrer Größe oder dichten Abfolge optische Fremdkörper darstellen und eine trennende Barriere zwischen Bürgersteig und Schaufensterbereich schaffen, sind zu entfernen.

Plätze:  Die Plätze am Kurfürstendamms bilden besondere Erlebnisräume. Bei der Gestaltung dieser Plätze ist besonders auf die Aufenthaltsqualität zu achten.

Kfz-Verkehr: Der Kurfürstendamm soll von extremen Belastungen durch den Kfz-Verkehr freigehalten werden.

Nutzung: Der Kurfürstendamm ist in seiner sozialen Funktion als Boulevard zu stützen. Die Verflechtung mit  den Nebenstraßen, der große Wohnanteil, qualitativ hochstehende Einzelhandels- und Dienstleistungseinrichtungen  sind zu schützen.

Architekturqualität: Am Kurfürstendamm sollen Bauten von hoher Architekturqualität entstehen. Zugleich ist eine kreative Auseinandersetzung mit den historisch geprägten Teilen des Boulevards gewünscht, ohne eine moderne und zeitgenössische Formsprache auszuschließen.

Sonstige Gestaltungselemente: Der Kurfürstendamm bedarf einer klaren, beruhigenden Gesamtwirkung. Herausfallende Gestaltungsansprüche sind zurückzunehmen. Auf schrille Farbgebung, grelle Beleuchtungseffekte und das Aufstellen signalhafter Repräsentationsobjekte soll verzichtet werden.

Werbung:  Am Kurfürstendamm soll aggressive, großflächige oder architekturverstellende Werbung vermieden werden. Werbung soll sich auf den Erdgeschoßbereich und auf kleinteilige Elemente beschränken.

Evaluierung des Regelwerks

Im Jahr 2008 wurde das Regelwerk evaluiert. Dazu wurden vier Abschnitte des Kurfürstendamms bewertet.

Als Ergebnis konnte festgehalten werden:

  • Das Regelwerk hat sich bewährt und wird konsequent angewendet.
  • Handlungsbedarf besteht insbesondere bei den Plätzen am Kurfürstendamm.
  • Es wurde unter anderem empfohlen, neue Objekte (z.B. Dog Service Stations) in das Regelwerk zu integrieren, kleinteilige Defizite (z.B. Pflasterung) abzubauen und das Aufräumprogramm als stetige Aufgabe fortzusetzen.