„Wir sind einfach nett”

Alex Mikloweit und Julia Schaefer verdienen ihr Geld mit dem Gesicht anderer Leute. Ihre Casting-Agentur gehört zu den Besten der Branche

Foto: York Christoph Riccius

Am spannendsten sind die Werbepausen. Wenn die bunten Wer­befilmchen über die Mattscheibe flimmern. Dann zeigt sich, wie gut man seinen Job gemacht hat, sagen Julia Schaefer und Alex­andra Mikloweit. Die beiden Frauen verdienen ihr Geld mit den Gesichtern anderer Leute. In ihrer People- und Casting-Agentur Public Heroes haben Schaefer und Mikloweit rund 1.500 von die­sen Gesichtern unter Vertrag – darunter Schauspielerinnen und Schauspieler, Tänzerinnen und Tänzer sowie Models. „Es geht in unserem Geschäft aber nicht allein um gutes Aussehen“, sagt Julia Schaefer. Vielmehr seien echte Typen gefragt, zum Beispiel Men­schen mit einem speziellen Aussehen, wie einer großen Zahnlü­cke oder einer merkfähigen Nase.

Gerade hat Marco die Eingangstür zum Büro an der Pestalozzi­straße aufgerissen. Er wolle nur nochmal kurz vorbeischauen. Gleich wird er zum Casting eines deutschen Autobauers fahren. Das habe sich kurzfristig ergeben, Planänderung beim Kunden, erklärt Schaefer. Dieser wolle jetzt doch lieber einen Ingenieur mit vielen Haaren für den Spot. Ein Prominenter komme dar­in auch vor. Deshalb: Drehbeginn morgen. Wann anders hat der Promi keine Zeit. So schnell wie Marco aufgetaucht ist, ist er auch schon wieder weg. „In unserem Beruf ist vor allem Schnel­ligkeit gefragt“, sagt Alex Mikloweit. Sowohl bei den beiden Casting-Frauen als auch bei ihren Models. Das Briefing für einen Werbespot gehe an alle Agenturen in Berlin. Dann komme es da­rauf an, möglichst schnell die passenden Leute für das angefor­derte Profil zu finden.

Angefangen hatte alles noch ganz gemütlich. Auf einem Kinder­geburtstag lernten sich die Frauen kennen. Beide waren vorher schon in der Filmbranche tätig. „Sobald man aber Kinder hat, kann man nicht mehr rund um die Uhr arbeiten“, sagt Alex Mikloweit, 45, gebürtige West-Berlinerin. Doch genau das werde in der Filmbranche vorausgesetzt. So entstand die Idee, gemein­sam eine Casting-Agentur aufzuziehen. Das war vor zehn Jahren. Die längste Zeit davon haben sie ihr Büro an der Pestalozzistraße, gleich schräg gegenüber vom Jazz-Club A-Trane. Die Kontinuität des Ortes mache „tierisch viel aus“. Und auch die daraus gewach­sene gute Nachbarschaft. Man kenne sich hier und helfe sich ge­genseitig, sagen Schaefer und Mikloweit. Die beiden schätzen die Bodenständigkeit und Unaufgeregtheit des Viertels.

Anfangs waren die beiden froh, drei bis vier Emails pro Tag zu be­kommen. Heute können sie sich vor Anfragen kaum retten. Die Agentur genießt in der Branche einen ausgezeichneten Ruf. Was vor allem an den beiden Inhaberinnen liegt. „Ich glaube, wir sind einfach nett“, sagt Schaefer, 44, die zuvor lange Zeit in Hamburg lebte. Nett im Sinne von verbindlich, zuverlässig, freundlich. Auf dem Tisch liegt ein Blatt Papier, darauf eine Tabelle mit Namen, Orten, Telefonnummern und Zeiten. Schaefer und Mikloweit tragen hier die Termine des Tages ein – handschriftlich. Wer ist gerade wo, bei welchem Casting, für welchen Kunden. Die bei­den Agentur-Inhaberinnen gehen mit ihren Models sorgsam um. Hat es mit einem Job nicht geklappt, sagen sie ihnen persönlich Bescheid. Andererseits nehmen sie diese in die Pflicht. „Wir ge­hen für unsere Models ständig in Vorleistung. Finanziell und zeit­lich“, erklärt Mikloweit. Deshalb gilt: Wer nicht zuverlässig ist, fliegt raus. Da hört die Nettigkeit auf.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2013