„Zieh dich an, Junge“

Seit mehr als 40 Jahren gehört die W.O.M. WORLD OF MEDICINE GmbH zu den Marktführern im Bereich Medizintechnik

Minimal Invasive Chirugie Foto: W.O.M. WORLD OF MEDICINE GmbH

Eines Abends war es soweit: Da lag dieser kleine, grüne Kasten auf dem Küchentisch einer Studentenbude. Was damals keiner wusste: An jenem Abend, im Sommer 1972, wurde Medizingeschichte geschrieben. Es war der Anfang der Minimal Invasiven Chirurgie im Bereich der Gynäkologie. Der Küchentisch gehörte einem Maschinenbau-Studenten, einem jungen Schwaben namens Peter Wiest. Wenige Monate zuvor war dieser mit einem Professor aus Hamburg zusammengetroffen. Einem Gynäkologen. Sein Name: Hans-Joachim Lindemann. Der war auf der Suche nach einem neuartigen Untersuchungsgerät für die Gebärmutter. Und Peter Wiest sollte ihm eines bauen.

Lindemann hatte eine Vision: Er wollte direkt in die Uterus-Höhle hineinsehen können und im Körperinneren diagnostizieren. Bis dato mussten sich die Patientinnen dazu einer Operation unterziehen. Also baute Peter Wiest den weltweit ersten Hysteroskopie-Insufflator. Mit Hilfe des Gerätes konnte man zum ersten Mal kleine Körperhöhlen aufdehnen und so überhaupt erst Raum für den Einsatz eines Endoskops schaffen. Der Kommentar des Auftraggebers zu dem grünen Kasten: „Zieh dich an, Junge. Wir fahren in den OP und probieren es aus.“

Wenn Clemens Scholz diese Geschichte erzählt, kann er sich ein kleines Lachen nicht verkneifen: „Was damals passierte, ist heutzutage einfach unvorstellbar.“ Der 55-Jährige leitet heute zusammen mit Oliver Kupka das Unternehmen W.O.M. WORLD OF MEDICINE GmbH. Aus der kleinen Erfindung am Küchentisch wurde eine Westberliner Erfolgsgeschichte: WOM ist nach wie vor marktführend, wenn es um die Gerätetechnik für endoskopische Gebärmutter-Untersuchungen geht. Diesen Status zu behalten, gelang auch dank einiger unkonventioneller Entscheidungen. 1989 kaufte Peter Wiest zum Beispiel eine alte Schiefertafelfabrik im Zonenrand-Gebiet in Franken. So wollte er dem Fachkräftemangel an Produktionsmitarbeiter*innen im damals noch engbegrenzten West-Berlin entgehen. Drei Wochen später fiel die Mauer. Was damals wie eine Fehlentscheidung aussieht, hat sich zu einem Erfolgsmodell gewandelt.

Zusätzlich zu den Standorten in Franken unterhält das Unternehmen auch Dependancen in Orlando/Florida und Hong Kong. 2016 soll zusätzlich noch eine eigene Produktionsstätte in den USA in Betrieb gehen. Neben Insufflatoren, Pumpen, Kameras und LED-Lichtquellen stellt WOM seit 2008 auch medizinische Einweg-Artikel her. „Es reicht heutzutage nicht mehr aus, nur gute Geräte herzustellen“, erklärt Scholz. Deshalb bietet das Unternehmen seinen Kunden einen sogenannten „full service“ an: Es kümmert sich um Zulassungsverfahren, klinische Erprobungen, Marketing oder Serviceschulungen.

Auch wenn WOM mittlerweile weltweit tätig ist. „West-Berlin ist unsere absolute Komfortzone“, sagt Clemens Scholz. 2006 bezog das Unternehmen eine komplette Etage am Salzufer 8. Ein herausragender Standort für unsere Firmenzentrale, wie Scholz erklärt. Vor allem wegen seiner Nähe zu den Universitäten und wegen der guten Verkehrslage. „Denn wir haben ein echtes Problem mit Fachkräften“, erklärt der Geschäftsführer. Deshalb bietet das Unternehmen beispielsweise 15 Stellen für Werksstudierende an und arbeitet zusätzlich mit vielversprechenden Start-ups zusammen. Clemens Scholz weiß: „Innovativ zu sein – das ist die Herausforderung.“

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2015