Alles auf Anfang

Die Berufsförderungswerke unterstützen Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Mit einer Qualifizierung, einer zweiten Berufsausbildung, werden sie wieder fit für den Arbeitsmarkt gemacht

Dr. Susanne Gebauer © BV BFW/ Kruppa

In Prag zieht der Frühling auf. In Berlin trifft eine Kugel Rudi Dutschke. Tausende Studenten gehen auf die Straße. Sie demonstrieren gegen die starren gesellschaftlichen Strukturen, gegen Krieg und rigide Sexualmoral – und sie fordern die Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Politisch läuft es gerade ziemlich aus dem Ruder, wirtschaftlich läuft es wie geschmiert. Es ist das „Golden Age“ und das Zauberwort heißt Vollbeschäftigung.

„Es war eine Zeit, in der die Wirtschaft händeringend nach Fachkräften suchte“, sagt Susanne Gebauer. Sie ist seit 2017 die Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Deutscher Berufsförderungswerke. Dessen Gründungsjahr: 1968. Arbeitskräfte waren damals gefragt und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderung veränderte sich. Deswegen rückten auch Personen ins Blickfeld, die eigentlich gesundheitlich eingeschränkt waren – sei es durch chronische oder psychische Erkrankungen oder infolge eines Arbeitsunfalls. Die Frage war: Wie bekommt man diese Leute wieder in den Arbeitsmarkt? „Es gab zwar schon einzelne Zentren und Konzepte, doch eine bundesweit einheitliche Regelung fehlte“, berichtet Gebauer. Das änderte sich mit der Gründung der ersten Berufsförderungswerke (BFW). Es entstand ein systematisches, am Berufsbildungssystem orientiertes Konzept zur beruflichen Requalifizierung. Die BFW schlossen sich im heutigen Bundesverband Deutscher Berufsförderungswerke zusammen, zu dem heute 28 BFW-Hauptstandorte mit 100 Außenstellen gehören.

Vieles ist in den vergangenen 50 Jahren unverändert geblieben. Zum Beispiel sind die BFW nach wie vor die Experten für die beruflichen Belange von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen und Behinderungen. „Meistens ist es ein ganzes Bündel an Erkrankungen“, sagt Gebauer. Die meisten haben eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Eine berufliche Rehabilitation bedeutet für viele Menschen dann einen Neustart: neue Ausbildung, neuer Beruf – wer will. Denn das Angebot der BFW basiert auf Freiwilligkeit. „Die Leute sind hoch motiviert, aber auch ein bisschen unsicher. Viele fragen sich, schaffe ich das“, sagt die Vorsitzende. Immerhin sei die Gesellschaft offener geworden gegenüber Menschen, die in der Mitte des Lebens sagen: Ja, ich lerne noch mal einen neuen Beruf.

12 000 Ausbildungsplätze bieten die Berufsförderungswerke bundesweit an, sie sind dabei Berufsschule und Ausbildungsbetrieb in einem und arbeiten eng mit Unternehmen zusammen. Gelernt werden kann zum Beispiel Kauffrau/-mann für E-Commerce, Qualitätsfachfrau/-mann, Mechatroniker/-in oder Systemelektroniker/-in. Bei Unternehmen sind die Absolventen*innen der BFW mit ihrer Doppelqualifikation und Berufserfahrung geschätzt. Die Integrationsquote liegt bei rund 70 Prozent. „Die meisten unserer Leute waren erfolgreich in ihrem Beruf und sind nicht deshalb ausgeschieden, weil sie nicht mehr wollten, sondern weil sie es gesundheitlich nicht mehr konnten“, sagt Susanne Gebauer, die als Geschäftsführerin hauptamtlich das BFW Nürnberg leitet.

Einige Dinge haben sich in den vergangenen 50 Jahren aber auch verändert. Man denke in der Rehabilitation mittlerweile stärker vom Arbeitsmarkt her. Die BFW haben daher auch Angebote in anderen Bereichen – z. B. Prävention oder im Betrieblichen Eingliederungsmanagement, erklärt Gebauer. Das bedeutet: Wenn jemand in Berlin einen Job finden soll, dann muss sich seine Rehabilitaion am Berliner Arbeitsmarkt orientieren. Das BFW Berlin-Brandenburg hat hier auch Angebote, bei denen eng mit Unternehmen kooperiert wird.

Dabei ist Berlin ein besonderes Pflaster, mit einem stark wachsenden, aber auch extrem schnelllebigen Arbeitsmarkt sowie einer besonderen Arbeitgeberstruktur. Hier sind andere Berufsbilder gefragt als beispielsweise in Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Der Bereich Dienstleistung spielt dabei in der Stadt eine wichtige Rolle, zudem sind Berufe in der IT und Elektrotechnik gefragt.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2018