Alles fließt

Dr. Johann C. Ragg ist Spezialist, wenn es um Venenschwäche geht. Er hat einen Weg gefunden, Venenprobleme ganz ohne Operation zu behandeln

Dr. Johann C. Ragg Foto: angioclinic® Venenzentrum Berlin GmbH

„Das ist wohl einer der schönsten Plätze West-Berlins“, sagt Johann C. Ragg und zeigt hinüber zu dem großen Fenster und dem Panorama, das darin zu sehen ist: Am unteren Bildrand die Tauentzienstraße, links das KaDeWe, weiter hinten das imposante Waldorf Astoria und mittendrin die Gedächtniskirche. Mehr Westen geht nicht. Seit zwölf Jahren betreibt Johann C. Ragg seine Praxis in einer Privatklinik an der Bayreuther Straße. Die große Glasfront sei kein Zufall gewesen, erzählt der Arzt. „Ich fand den Neubau inspirierend für eine neue Art der Venenheilkunde.“

Seine Patientinnen und Patienten kommen aber nicht wegen der schönen Aussicht. Sie kommen, weil der Arzt etwas kann, was andere nicht können: Er kann ein Venenleiden mit operationsersetzenden Techniken heilen. Ohne Narkose, ohne Schnitte, ohne Schmerzen, ohne langwierigen Heilungsprozess. Dafür reisen seine Patient*innen auch gerne einmal um die Welt, von Australien nach Berlin. Der Aufwand lohnt sich. „Bisher hatte ich keinen Venenpatienten, der nicht medizinisch erfolgreich behandelt worden ist“, sagt Ragg, der sich bereits Anfang der 1990er Jahre auf nichtoperative Gefäßmedizin spezialisiert hatte.

Bei einer kranken Vene ist die Blutflussrichtung gestört. Zum Beispiel, weil die Vene sich geweitet hat. Die Muskel-Venen-Pumpen funktionieren nicht mehr richtig. Die Folge: Das Blut staut sich in den Beinen und sie schwellen an. Bis in die heutige Zeit werden solche kranken Venen vor allem operativ entfernt. „Wobei man eher sagen muss, sie werden herausgerissen“, erklärt der Fachmann. Doch bei so einem Eingriff entstehen immer auch tiefe Wunden. Denn die Venen liegen nicht einfach offen und für sich da, sie sind fest mit dem Gewebe und den Nervenbahnen verwachsen. Im schlimmsten Fall kämpfen die Patient*innen deshalb mit langwierigen Nebenwirkungen. Zum Beispiel damit, in dem behandelten Bein kein Gefühl mehr zu haben, weil bei der OP die umliegenden Nerven verletzt wurden. „Dieser Zustand kann ein halbes Jahr und länger anhalten“, sagt Ragg, der alle Behandlungen selbst durchführt. Doch der Arzt weiß auch aus Erfahrung: So weit müsste es in den allermeisten Fällen gar nicht kommen. Denn Venenleiden seien oft selbst verschuldet.

„Viele Menschen denken, so eine Erkrankung sei vererbt und chronisch. Da könne man eben nichts machen. Und deshalb tun sie auch nichts.“ Aber genau das sei falsch. Viele Erkrankungen entstehen durch Überbelastung und zu wenig Bewegung. Daran könne man etwas ändern, zum Beispiel durch spezielle Übungen. Wenn das nicht mehr helfe, fügt der Arzt hinzu, „dann sind alle Venenleiden aber grundsätzlich behandelbar – und zwar schmerzfrei und ganz ohne OP.“

Der 58-Jährige ist ein Mann der sanften Methoden. Ragg setzt bei seinen Behandlungen auf Ultraschall und Radiowellen, Laser, spezielle Mikroschäume und Klebetechniken, von denen er einige selbst entwickelt hat. Kranke Venenabschnitte werden schmerzfrei verschlossen. Auch Hyaluronsäure kommt bei den Behandlungen zum Einsatz, sie umgibt überdehnte Venen mit einem unsichtbaren Mantel, wie eine Art Stützkorsett. „Seit 2005 können wir jeden Befund ohne chirurgischen Eingriff lösen“, erklärt der Experte für Gefäßmedizin, der jeden Tag bis zu 20 Personen behandelt. Der neueste Coup ist eine spezielle durchsichtige, medizinische Folie, die er in dreijähriger Forschung entwickelt hat. Sie wirkt wie ein Kompressionsstrumpf, man spürt sie aber nicht. Die Patient*innen können damit Sport treiben, schwimmen und duschen. Die Krampfadern verschwinden wie von Zauberhand und kommen auch nicht wieder.

Nur manchmal – zwischen Praxis und Labor – bleibt dann auch mal Zeit, einfach aus dem Fenster zu schauen.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2015