Auf dem Sprung zur Serie

Die Asaphus Vision GmbH hat eine neuartige Software zur Gesichtserkennung entwickelt. Dadurch werden hochkomplexe Berechnungen möglich – Ressourcen sparend und ohne Betriebssystem

Dr. Lenka Ivantysynova © Asaphus Vision GmbH

Der Adler ist der König der Lüfte. Er ist erhaben und mächtig – und leider viel zu naheliegend. „Beim Thema Sehen kommen doch alle immer sofort auf den Adler“, sagt Lenka Ivantysynova. Aber wer kommt schon auf einen Trilobit? Genauer gesagt, auf den Asaphus kowalewskii? Seines Zeichens: Gliederfüßer, Meeresbewohner, etwa 450 Millionen Jahre vor unserer Zeit. Besonderes Merkmal: Das Tierchen besaß weit ausladende Stielaugen, die es unabhängig voneinander bewegen konnte. „Wir wollten einen Namen, der außerordentliches Sehen im Tierreich aufgreift. Wir haben recherchiert und sind auf den Asaphus gestoßen“, erinnert sich Ivantysynova, die ein versteinertes Exemplar bei sich zu Hause im Regal stehen hat.

Die 37-Jährige sitzt an einem heißen Julitag in ihrem Büro im Charlottenburger Innovationszentrum CHIC. Wobei „sitzen“ vielleicht der falsche Ausdruck ist. Ivantysynova und ihre neun Kollegen stehen in den Startlöchern. Gemeinsam mit ihren Kunden arbeiten sie intensiv daran, dass ihre Software in Serienfahrzeugen eingesetzt werden kann. „Unsere Software ist marktreif. Von uns aus kann es losgehen“, sagt die Informatikerin, zuckt die Schultern und lacht. Denn sie weiß selbst, dass es so einfach nicht ist. „Automobilhersteller sind riesige Konzerne, da läuft alles nach strikten Regeln“, sagt Ivantysynova. Die Langsamkeit der Unternehmen ist das eine. Hinzu kommt, dass die Automobilindustrie zu den sicherheitskritischsten Branchen überhaupt gehört. Verwendete Systeme müssen absolut ausfallsicher sein. Insbesondere, wenn es um so sensible Technik wie Fahrerassistenzsysteme geht.

Für diese hat Asaphus eine neuartige Software zur Gesichtsidentifikation entwickelt. Mithilfe einer kleinen Kamera erkennt die Software, wohin die Person am Steuer schaut, in welche Richtung sich der Kopf orientiert, ob die Augenlider geschlossen oder geöffnet sind. Das ist für die Müdigkeitserkennung wichtig. Zusätzlich lernt die Software, ein Gesicht wiederzuerkennen, in nur wenigen Sekunden. Innerhalb von Millisekunden erkennt sie das Gesicht dann wieder. „Ein Gesicht verändert sich natürlich auch mit der Zeit. Deshalb führt die Software automatisch eigene Scans durch“, sagt Ivantysynova, die das Unternehmen zusammen mit vier Kommilitonen gegründet hat. Kennen tut sich das Quintett vom Studium an der HU Berlin.

Eine Software zur Gesichtserkennung – das klingt in der Theorie ganz einfach. Doch in der Praxis erfordert es spezielle Algorithmen und einen Hochleistungsrechner. „Die Berechnungen sind nicht nur hochkomplex, sondern müssen auch extrem schnell ablaufen“, verrät die Informatikerin. Genau das hat Asaphus geschafft – ganz ohne Hochleistungsrechner. Die Software braucht kein Betriebssystem, ist mit jeder Hardware kompatibel und besitzt eine eigene Speicherverwaltung. Zudem verbraucht das Programm nur wenige Ressourcen. „Das bedeutet, wir erzeugen wenig Wärme. Das ist in einem Fahrzeug ein wichtiger Punkt“, erklärt Ivantysynova. Das macht ihnen bislang niemand nach.

Wie gesagt: Bei Asaphus sitzt man nicht mehr. Man steht schon auf der Poleposition.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2017