Auf der Reise

Özge Tor Vural organisiert seit rund drei Jahren mit ihrem Unternehmen Medical Fly medizinische Behandlungen in der Türkei

Özge Tor Vural Foto: Medical Fly GmbH

Man streitet sich erbittert um die Höhe der Hecke, um die zu laute Musik oder um den angeblichen Lärm der Kinder. „Wer Nachbarn hat, braucht keine Feinde“, heißt es. Auch Özge Tor Vural hat Nachbarn. Die 35-Jährige hat einen Stuhl auf die Straße gestellt und sitzt vor ihren Büroräumen in der Sonne. Gerade kommt eine der Nachbarinnen vorbei. Die beiden Frauen begrüßen sich, ein aufmerksames Nicken, ein Lächeln, ein freundliches Hallo. Hier kennt man sich, hier grüßt man sich. Das schätzt Özge Tor Vural und schwärmt über die Behaimstraße in Charlottenburg: „Die Nachbarschaft ist wirklich toll. Die Leute sind sehr freundlich und höflich.“ Nachbarschaft geht eben auch anders.

Die Büroräume liegen in der kleinen Querstraße zur Otto-Suhr-Allee. Die Unternehmerin leitet von dort aus eine der führenden Agenturen für Medizintourismus in Deutschland. Medical Fly organisiert Haartransplantationen, Augenlaser-OPs, zahnmedizinische Behandlungen oder Schönheits-Eingriffe im Ausland. Genauer gesagt: in der Türkei. „Ich habe selbst türkische Wurzeln. Da dachte ich, das passt“, sagt Tor Vural, die sich mit der Selbstständigkeit einen Traum erfüllte. Den Weg dorthin beschreibt die Firmengründerin allerdings als „Chaos pur“: Studium der Medieninformatik in Bremen, Studium der Kommunikationswissenschaft an der TU Berlin. Und am Ende dann doch das, was sie ausgerechnet nicht studieren wollte: Volkswirtschaft. „Mein Vater und meine Schwester haben Wirtschaft studiert. Und für mich stand lange fest, ich will etwas anderes machen“, erinnert sie sich.

Während des Studiums entstand die Idee zu Medical Fly. „Seit ich 16 Jahre war, habe ich eine Brille getragen. Als Erwachsene wollte ich mir die Augen lasern lassen“, sagt Tor Vural. Doch schnell habe sie gemerkt, dass sie sich den Eingriff in Deutschland nicht leisten kann. 6.000 Euro – für eine Studentin einfach zu viel. Doch die junge Frau will sich nicht abbringen lassen und vergleicht die Preise mit denen in der Türkei. „Die OP hat dort etwa 900 Euro gekostet. Ein Wahnsinnsunterschied“, sagt Tor Vural, die damals das Potenzial für Medizintourismus in der Türkei erkennt. 2008 beginnt sie, Gespräche mit Ärzt*innen und Krankenhäusern zu führen, geht auf Medizinmessen, sammelt Informationen über die erforderlichen Zertifikate. 2011 nimmt sie am Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg teil, besucht neben dem damaligen Job im Großhandel abends Kurse und Workshops.

„Wer sich heute in der Türkei die Augen lasern lässt, tut das natürlich zum Teil aufgrund des Preises. Vor allem aber wegen des guten Rufs der Behandlungen“, weiß Özge Tor Vural, die ihren Kundinnen und Kunden jeweils den passenden Spezialisten empfiehlt. Dabei kooperiert sie nicht mit einem speziellen Krankenhaus, sondern hat sich ein Netzwerk aus einzelnen Ärztinnen und Ärzten aufgebaut. Das Netzwerk funktioniert übrigens auch in die andere Richtung: Aus arabischen Ländern kommen Patient*innen wegen medizinisch notwendigen OPs nach Deutschland. Manchmal rät sie aber auch von einer Operation ab, zum Beispiel wenn eine Vorerkrankung besteht. „Mir ist die Zufriedenheit meiner Kunden sehr wichtig“, sagt die Unternehmerin.

Die Spezialist*innen arbeiten in Istanbul, Izmir oder Antalya. Alle zwei Monate kommen sie nach Deutschland, um ihre Patient*innen vor Ort kennenzulernen. In der Plastischen Chirurgie sei der direkte Kontakt enorm wichtig. „Solche Eingriffe sind heikel, die Patienten müssen sich in guten Händen wissen“, erklärt Özge Tor Vural, „Vertrauen kommt von Vertrautheit.“ Wie bei guter Nachbarschaft.

Stefanie Paul; Susanne Hörr
Kluge Köpfe 2015