Auf Wachstum programmiert

2014 hatte Signavio 52 Mitarbeiter*innen. Ende 2018 sind es knapp 300. Wie bewältigt ein Unternehmen die damit einhergehenden Veränderungen? Durch viel Kommunikation

Es war ein heißer Sommertag vor vier Jahren. Gero Decker, damals 32, saß in kurzen Hosen und mit Flip-Flops in einem großen Besprechungszimmer an der Nürnberger Straße 8 und erzählte vom Schokokuchen. Er zeigte ein buntes Diagramm mit Pfeilen, Kästchen und Symbolen. So würde es aussehen, wenn man mit der Software des Berliner Unternehmens Signavio einen Kuchen hätte backen wollen. Natürlich ging es damals nicht wirklich um Schokokuchen. Das tut es auch heute nicht. Aber das Kuchen-Beispiel zeigt, um was es bei Signavio geht. Das 2009 gegründete Unternehmen macht Geschäftsabläufe sichtbar. Mithilfe der speziellen Software können die normalerweise unsichtbaren und oftmals verworrenen Arbeitsprozesse visualisiert und grafisch dargestellt werden. Entwickelt hat sich das Ganze aus einer Promotion am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Aus der theoretischen Arbeit wurde erst ein großes Experiment und schließlich ein spektakuläres, neues Produkt: Die Software wurde als reiner Cloud-Service angeboten – damals der neueste Schrei, heute längst Alltag.

Sommer 2018. Wieder ein Gespräch für die „Klugen Köpfe“. Viel hat sich bei Signavio in der Zwischenzeit getan: Das Unternehmen ist umgezogen, dieses Mal an die Kurfürstenstraße. Zwei weitere Produkte gingen an den Markt, sie heißen Workflow Acccelerator und Process Intelligence. Es gibt Standorte in den USA, in Frankreich, Großbritannien und Singapur. Und aus den 52 Mitarbeitern*innen sind mittlerweile fast 300 geworden. Eins ist aber doch gleich geblieben. „Flip-Flops trägt Gero Decker noch immer gerne“, erzählt Helene Grimm über den CEO.

Grimm sitzt auf einem Sofa in der Lounge im Erdgeschoss. Nebenan in der offenen Küche klappert Geschirr, eine Runde hat sich zum Frühstück versammelt, allesamt junge Leute, es wird Englisch gesprochen und viel gelacht. Grimm kam Anfang 2017 zum Unternehmen und war dort maßgeblich für den Aufbau der Abteilung Human Resources verantwortlich. Das mittlerweile sechsköpfige Team versucht, die großen Veränderungsprozesse innerhalb des Unternehmens zu steuern. Allein im vergangenen Jahr stellte Signavio 150 neue Mitarbeiter*innen ein – ein Wachstum, das genau so gewollt war. „Aber viele Prozesse haben aufgrund der schieren Größe dann einfach nicht mehr funktioniert“, erklärt die studierte Juristin. Die Fragen, die sich also stellten: Wie kann man diese rasante Entwicklung begleiten und steuern? Welche neuen Instrumente und Kanäle braucht es dafür? Und wie bewahrt man die Unternehmenskultur? „Wir wussten, wenn wir in dieser kurzen Zeit so stark wachsen wollen, dann wird das kein Selbstläufer“, sagt die 36-Jährige.

Ein Instrument ist zum Beispiel der Pre-Lunch. Jeweils zwölf Uhr mittags treffen sich alle Mitarbeiter*innen des Berliner Standortes im Amphitheater, einem großen Raum im Erdgeschoss. Wer neu im Team ist, stellt sich dort vor, andere berichten über aktuelle Projekte und Ideen, anschließend geht es in die Mittagspause.  Für neue Mitarbeiter*innen gibt es zudem ein- bis zweimal im Monat den sogenannten Welcome Day. „Den macht der CEO dann auch persönlich“, sagt Henne. Dazu gibt es Blumen auf dem Schreibtisch, eine Goody Bag und ein Quiz, das man aber nicht per Google lösen kann, sondern indem man seine Kollegen*innen fragt. „Wir versuchen, Interaktionspunkte zu schaffen“, erklärt Grimm.

Jeweils am Ende Monats wird ein Happiness-Index ermittelt. Früher nannte man das wohl Kummerkasten, denn man kann dort anonym Wünsche, Kritik und Probleme äußern. Viele Sachen würden schon ziemlich gut laufen, findet Grimm, „aber natürlich läuft nicht alles rund“. Die Kommunikation sei eine riesige Herausforderung. Vor allem dann, wenn Englisch zwar Betriebssprache, aber eben nicht jedermanns Muttersprache ist.  Um die Kommunikation zu verbessern, gibt es einmal im Jahr ein Code Camp, zu dem alle Mitarbeiter*innen für drei Tage nach Berlin kommen – samt Teamevent, Workshops und Party. Organisatorisch und finanziell sei das extrem aufwändig, „aber wir glauben, dass es enorm wichtig ist, dass sich die Leute persönlich kennen und miteinander reden“.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2018