Augen auf

Thoughtfish entwickelt Augement-Reality-Technologien für Smartphones. Wer sie nutzen will, muss rausgehen und seine Umwelt entdecken. Die Apps reagieren auf den persönlichen Kontext des Nutzers

Christina Barleben © Grzegorz Karkoszka/Booster Space

Eigentlich stand sie da schon immer, direkt vor ihrem Büro. Wahrgenommen hat Christina Barleben sie allerdings nie wirklich. Erst als Barleben eine Sequenz aus dem Spiel „Fightlings“ testet, fällt sie ihr auf, denn im Spiel kann man blaue Seelen sammeln. Aber die gibt`s doch eigentlich nur da, wo es auch Wasser gibt, einen See oder zumindest einen Fluss. Aber Wasser vor ihrem Büro? Christina Barleben schaut sich um und da steht sie: eine alte Wasserpumpe. „Solche Pumpen gibt es überall in Berlin. Aber bisher fielen die mir nie auf“, erzählt sie begeistert.

Rausgehen, die Welt entdecken, neugierig sein – genau das wollen Christina Barleben und ihr Team von Thoughtfish erreichen. „Wir holen die Leute aus der digitalen in die reale Welt – und zwar über Spiele“, sagt die 41-Jährige. Das Unternehmen entwickelt Social Games speziell für Smart Devices. „Ich habe mich darüber geärgert, dass man Smartphones immer nur als Computer mit kleinem Displays betrachtet“, erklärt Barleben. Niemand schaue darauf, was Smartphones wirklich sind und wie wir damit umgehen: Das mobile Telefon begleitet uns überall. Es liegt auf dem Küchentisch, neben dem Bett, wir nehmen es in die Badewanne und zuweilen auch auf die Toilette mit. Das Smartphone ist unser intimster Begleiter. „Es weiß so viel über uns. Deshalb hat mich dieses Thema so gereizt“, sagt die studierte Juristin.

Für die Spiele nutzt Thoughtfish zwei Technologien: Die eine heißt Augmented Reality (AR). Man kennt das aus dem Fernsehen, wenn bei Fußballspielen die Abseitslinie eingeblendet wird oder der Abstand zum Tor. Das bekannteste Beispiel ist aber wohl das Walking-Game „Pokémon GO“. „Unter AR stellen sich die meisten vor, dass man die Handykamera aktiviert und dann wird irgendwas übers Display gelegt“, sagt Barleben. Bei Thoughtfish ist das anders. Und hier kommt die zweite Technologie ins Spiel: COALA. Das steht für Context Aware Location Assessment. Das bedeutet, das Spiel passt sich dem persönlichen Kontext des Spielers an: Es reagiert darauf, ob es regnet oder schneit, ob der Spieler zu Hause sitzt oder auf dem Spielplatz. Es reagiert darauf, welche Mondphase ist, wie hoch der Sonnenstand oder wie groß der Tidenhub. Dazu greift COALA auf verschiedene Informationsquellen zurück, zum Beispiel Standortbestimmung, Internet, GPS, Wetterdaten. „Die genauen Details kann ich natürlich nicht erzählen, denn sonst würde ich ja verraten, was unsere Innovation ist“, sagt Barleben und lacht. Betriebsgeheimnis sozusagen. Was man aber sagen kann: Die Daten werden hochkomplex korreliert, kombiniert, gefiltert und kreuz und quer referenziert. „Wir sind aber kein Facebook. Wir wollen nicht wissen, wie viel Geld die Leute verdienen. Wir wollen das, mit was sie sich beschäftigen, relevanter machen“, sagt Barleben.

Das erste Spiel „Fightlings“ ist bereits auf dem Markt und wurde unter anderem für den Deutschen Computerspielpreis nominiert. Das zweite Spiel, der Farming-Simulator „Farmstead“, ist in der Entwicklung. „Egal, was man macht, es sollte eine gewisse Sinnhaftigkeit haben“, sagt Barleben. Deshalb geht es in dem Spiel zwar vordergründig darum, eine Farm aufzubauen. Die eigentliche Idee ist aber, mehr über seine Umwelt zu erfahren und sie wieder bewusster wahrzunehmen. Spielen und Lernen, das schließt sich bei Christina Barleben nicht aus. Man muss nur die Augen aufmachen. Dann entdeckt man auch Wasserpumpen.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2018