Bitte einmal tief ausatmen

Ein atemgasbasierten Verfahren misst Leberwerte in Echtzeit

LiMAx-Test mit dem FLIP-Gerät Foto: Humedics GmbH

Manchmal kann sich durch einen einzigen Anruf das ganze Leben verändern. Bei Martin Stockmann und Karsten Heyne ist das so gewesen. Mit einem Anruf und der Frage, wer sich an der Freien Universität Berlin (FU) mit Infrarotspektroskopie auskenne, nahm vor rund sechs Jahren eine Idee ihren Lauf, mit der die beiden mittlerweile so etwas wie Medizingeschichte schreiben: Denn Stockmann und Heyne haben eine Methode entwickelt, mit der man unmittelbar und exakt die aktuelle Leberfunktion messen kann. Mit dem sogenannten LiMAx-Test (Liver Maximum Capacity) kann diese sozusagen direkt am Bett und in Echtzeit gemessen werden – mittels eines atemgasbasierten Testverfahrens. So etwas hat es in der Medizin bisher noch nicht gegeben – weder für die Leber noch für ein anderes Organ. „Es gibt noch kein anderes System, das mit unserem vergleichbar wäre“, erklärt Stockmann, Oberarzt an der Berliner Charité.

Bislang konnte die Leberfunktion nur indirekt bestimmt werden. Blutwerte und Biopsien waren zu punktuell und vor allem zeitlich zu verzögert. Stockmann und Heyne, Professor für Physik an der FU, erklären es gerne an diesem Beispiel: Wenn man die Leber entfernt, dann bekommt man im ersten Moment noch ganz normale Leberwerte. Es dauert mehrere Tage, bis sich der Gesundheitszustand verschlechtert. Die Blutwerte von gestern haben also keine Aussagekraft über den Zustand der Leber von übermorgen. Doch gerade bei großen Operationen wie einer Leberresektion sei es wichtig, genau zu wissen, wie gut die Leber arbeitet. Bei bis zu zehn Prozent der Patientinnen und Patienten werde, so Stockmann, zu viel von der Leber weggeschnitten. Oft passiert es dann, dass sich die Leber anschließend nicht ausreichend regeneriert und nachwächst. Das kann  Leberversagen zur Folge haben – und in 50 Prozent dieser Fälle führt das zum Tod.

Beim LiMAx-Test wird intravenös der Stoff Methacetin verabreicht. Dieser wird nur in der Leber abgebaut. Dabei entsteht, neben Paracetamol, auch markiertes Kohlendioxid (13CO2). Durch das FLIP-Gerät, eine Art fahrbarer Atemanalysator, wird beim Ausatmen das Verhältnis zwischen 13CO2 und normalem CO2 gemessen. Über diesen Wert errechnet man die Leistungsfähigkeit der Leber werden.

An dem neuen Verfahren hat Stockmann bereits zehn Jahre geforscht. Nachdem es sich in medizinischen Studien bewährte, ging es an die technische Umsetzung. Dazu holte er sich Heyne mit ins Boot. Dass die beiden neben ihrer Tätigkeit als Professor und Oberarzt auch noch Unternehmer werden könnten, hätte keiner gedacht. „Aber irgendwann waren wir an einem Punkt, an dem wir uns entscheiden mussten“, sagt Heyne. Weder Pharmafirmen noch Unternehmen für Medizintechnik zeigten Interesse. „Wenn es nicht bei einem Forschungsprojekt bleiben soll, dann müssen wir es selber machen“, war der Gedanke. Ende 2009 gründeten sie gemeinsam mit Wilfried Heyne, einem erfahrenen Manager, und unterstützt durch eine Finanzierung des High-Tech Gründerfonds ihr Unternehmen Humedics. Das erste Büro war noch auf dem Dachboden von Familie Heyne untergebracht. Seit 2011 sind auch Charite Biomedical Fund, verwaltet von Peppermint VenturePartners, KfW, IBB Beteiligungsgesellschaft und Ventegis Capital AG beteiligt und das Geschäft hat seine Büros im Gründerzentrum CHIC. Seit März 2012 erweitert Erwin de Buijzer die Geschäftsführung der Humedics GmbH.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2012