Codewort: KD211

Sonia Simmenauer und Maren Borchers teilen gerne. Nicht nur das Büro. Auch die Liebe zur klassischen Musik – und zu Charlottenburg

Foto: KD 211:musique

Hier also ist die Bombe hoch gegangen. Genau vor dieser Tür, im August 1983. Damals ließ der Terrorist Carlos einen Anschlag auf das französische Kulturzentrum Maison de France am Kurfürstendamm in Berlin verüben. Der Anschlag war ein Vergeltungsakt. Kurz zuvor war Carlos Frau von den Behörden auf den Pariser Champs-Elysées verhaftet worden. „Seit damals funktioniert übrigens die Klimaanlage nicht mehr“ sagt Maren Borchers und lacht. Die Tür, vor der die Bombe damals explodierte, ist heute der Eingang zu ihrem Büro. Das Haus habe noch viele solcher Geschichten parat, auch lustige und skurrile. Der weiße, denkmalgeschützte Bau aus den 50er Jahren, an der Ecke Kurfürstendamm/Uhlandstraße ist eine Charlottenburger Institution, eine Art Wahrzeichen. Er gehört zu diesem Stadtteil, wie die Bulette zu Berlin.

Seit einigen Jahren teilen sich dort die Firmen von Maren Borchers und Sonia Simmenauer die Büros. Beide Frauen sind dem Charme des Gebäudes verfallen. Noch gehört das Haus dem französischen Staat, doch der würde es wohl lieber geschlossen und verkauft sehen. Aber noch ist es voller Leben – und soll es auch möglichst lange bleiben. Es gibt Sprachkurse für Französisch, es gibt ein Kino und Restaurants. Und es gibt KD211:musique. Ein Projekt, das Maren Borchers und Sonia Simmenauer gemeinsam ins Leben gerufen haben. „KD211 steht für unser Haus. Den Kurfürstendamm 211“, erklärt die gebürtige Französin Simmenauer. Die Idee hinter dem Projekt: Die ehemalige französische Offiziersmesse wird zum Konzertsaal umfunktioniert. Früher sei hier oft schon nachmittags wild getanzt geworden, sagt Borchers, die einst bei Emi Classics in Köln für Presse und Promotion zuständig war. Heute steht dagegen vor allem Kammermusik auf dem Programm. „Aber nicht nur das abgedroschene Zeug. Auch zeitgenössische Werke werden gespielt“, fügt Simmenauer an.

KD211:musique sei keine Großveranstaltung, da sind sich Borchers und Simmenauer einig. Es sei auch das Gegenteil von einem Luxusevent. Es gebe keinen Champagner und keine Häppchen. Stattdessen werden an der 50er Jahre Bar gepflegt Cocktails serviert. Klein, fein und diskret – so sollen die Konzerte sein. Ohne viel Tamtam, mit der Musik im Mittelpunkt. 180 Zuhörer finden im bestuhlten Saal Platz. Dadurch sei eine enorme Nähe zu den Künstlerinnen und Künstlern möglich, auch nach dem Konzert. Und noch etwas macht den Veranstaltungsort so einzigartig: Der Blick durch die großen Fenster, ein beinahe 360-Grad-Panorama über West-Berlin, hinunter auf den Ku‘damm und hinüber zur Gedächtniskirche. Berlin total, wie es Borchers nennt.

Für die beiden Frauen ist das Projekt eine Herzensangelegenheit. Der Standort, das Haus – das alles ist für sie zu einer zweiten Heimat geworden, so wie ganz Charlottenburg. „Das ist hier wie eine kleine Familie. Freundlich, verbindlich, man kennt sich einfach“, beschreibt Simmenauer ihren Bezirk. Deshalb wollten sie etwas zurückgeben. Und was wäre da passender als eine Konzertreihe. Denn mit ihrer Agentur vertritt Sonia Simmenauer einige der bedeutendsten Kammermusikensembles und SolistInnen. Darunter das Artemis Quartett, Isabelle Faust und Piotr Anderszewski. Viele Jahre betreute sie Alban Berg oder den Geigen-Virtuosen Gidon Kremer.

Zusammen mit Maren Borchers teilt sie sich zwar die Büros. Doch die beiden Frauen stellen klar: Wir sind zwar eine Art Wohngemeinschaft. „Aber dahinter stehen zwei getrennte Firmen, für zwei verschiedene Bereiche“, so die 46-jährige Borchers. Während sich Simmenauer vor allem um die Terminkalender ihrer Schützlinge kümmert und diese mit Konzertauftritten füllt, macht Maren Borchers mit ihrer Agentur klassische PR-Arbeit. Für die Künstlerinnen und Künstler bestehe zwar das Angebot zur Zusammenarbeit, sie sei aber kein Muss“, sagt Borchers. Seit vier Jahren arbeiten die beiden auf diese Weise zusammen, teilen sich das Büro und tauschen in der Kaffeeküche Neuigkeiten aus.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2013