Das Ende der Mode-Diktatur

Das Berliner Modelabel Front Row Society ist eine Art Mode-Demokratie. Eine Community entscheidet darüber, welches Design auf den Markt kommt

Foto: Front Row Society

Florian Ellsaesser sitzt in einem Café, er trinkt eine Tasse Schwarzen Tee und erzählt über Damen-Leggins. Er tut das ernsthaft und mit Begeisterung. Damen-Leggins sind so etwas wie Ellsaessers Steckenpferd. 2011 gründete der gebürtige Berliner das Modelabel Front Row Society (FRS). Das Unternehmen hat sich auf Leggings spezialisiert – sowie auf Damen-Tops, Taschen und auf Tücher. Vor allem aber hat FRS ein einzigartiges Konzept für die Entwicklung seiner Designs gefunden. „Wir sind eine Mode-Demokratie“, sagt der 31-Jährige. Mode wird bei dem jungen Label zu einer Art Volksentscheid. Jeder darf mitmachen, jeder darf seine Meinung äußern, jede Stimme zählt.

Ellsaesser kann auf eine kreative Quelle zurückgreifen, die wohl unendlich scheint. Das Konzept ist dabei so einfach wie genial. Das Label hat eine Community gegründet, mit mittlerweile mehr als 30.000 Mitgliedern weltweit. Leute aus El Salvador oder Italien haben sich registriert. Genauso wie aus Zypern und Madagaskar. Oder aus Neuseeland und Serbien. Sie alle verbindet eines: Spaß an Mode, Spaß am Design. „Bei uns kann wirklich jeder mitmachen“, sagt der Firmengründer. So wie zum Beispiel die Mutter mit den sechs Kindern. Oder der junge Mann aus Portugal, der im wahren Leben eigentlich Koch ist und in seiner Freizeit Design-Muster entwirft. Derart gute, dass er schon mehrere Wettbewerbe des Labels gewonnen hat. Für ihr Konzept haben die Verantwortlichen gleich auf mehreren Kanälen geworben. Sie gingen an Universitäten und Designschulen, waren in Foren und Blogs aktiv und sprachen Designerinnen und Designer auch persönlich an. „Mittlerweile ist es aber weitgehend zu einem Selbstläufer geworden“, sagt Ellsaesser.

Sobald ein neues Design gesucht wird, startet eine sogenannte Design Challenge. Zwei Wochen haben die Community-Mitglieder dann jeweils Zeit, ihre Vorschläge einzureichen. Das können schon mal bis zu 1.500 Vorschläge sein. Zum Beispiel zum Thema: Leggins mit Motiven sakraler Kunst. Oder Tücher mit dem Thema „Enchanted Forrest“ mit Käfer-Motiven, Vögeln, verschlungenen Ästen und Blättern. Das Design-Muster, das die meisten Stimmen bekommt, gewinnt. 50 bis 60 Designerinnen und Designer gehören mittlerweile sozusagen zum festen Kern. Sie reichen nicht nur regelmäßig ihre Vorschläge ein, sondern gewinnen damit auch regelmäßig. Reich werden sie damit allerdings nicht – oder zumindest noch nicht. 200 Euro gibt es derzeit pro Wettbewerb und Entwurf zu gewinnen, wobei jedes Mal 30 Designs produziert werden. Das Gesamtbudget für die Designerinnen und Designer ist höher als für die Personalkosten von FRS.
Bruce Hamilton, gebürtiger Schotte und Chef der Produktion, beschreibt die Mode von FRS so: detailorientiert und mit einem künstlerischen Anspruch, verspielt, komplex und feminin, für Frauen zwischen 25 und 35 Jahren. Die Idee hat Erfolg: Die Designer-Teile existieren nicht nur im Internet, es gibt sie auch zu kaufen. Zum Beispiel in Berlin im Kaufhaus des Westens, besser bekannt als KaDeWe. Oder bei Ludwig Beck in München, bei Breuninger in Stuttgart oder im Alsterhaus in Hamburg.

Angefangen hatte alles 2011. Und zwar damit, dass Florian Ellsaesser sein Konto leer räumte und alles in seinen Traum vom eigenen Unternehmen steckte. Das sei eine schwierige Zeit gewesen, erinnert sich der junge Unternehmer, der zuvor in Großbritannien studiert hat. Das Potenzial des Modelabels haben in der Zwischen-zeit auch andere erkannt. So wie zum Beispiel Harald Meilicke von Kaufhaus Breuninger. Er stieg als Investor mit ein. „Wir haben glücklicherweise Investoren, die nicht einfach nur ihr Geld reinstecken wollen. Sondern solche, die mit Herzblut dabei sind“, sagt Ellsaesser. Im kommenden Jahr will das Unternehmen zum ersten Mal Gewinn machen. Wenn es so weitergeht, erfüllt sich vielleicht irgendwann auch der Wunsch des 31-Jährigen. Ein Unternehmen, „das über uns hinaus besteht.“

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2013