Das Heimspiel

An der Bismarckstraße steht ein Haus: quadratisch, markant, mit auffälliger Fassade. Die Deutsche Oper Berlin ist die zweitgrößte Oper Deutschlands. Mit großer Geschichte und großem Anspruch

Dietmar Schwarz © Peter Badge

Es gab einmal eine Zeit, da war Charlottenburg nicht einfach nur der Westen, es war eine andere Welt. Eine Großstadt, vor den Toren der großen Stadt Berlin. Die Charlottenburger*innen waren unabhängig und reich – und was man in Berlin konnte, das konnten sie schon lange. Also bauten sie sich 1912 eine eigene Oper, nannten sie „Deutsches Opernhaus“, sie sollte demokratischen Prinzipien folgen. Von jedem Platz sollte man gleich gut sehen und gleich gut hören können. Auf dem Programm sollten zeitgenössische Musik und die Werke Richard Wagners stehen. Lohengrin, Götterdämmerung, Walkürenritt. Die ganz großen Geschichten eben.

Das Opernhaus fiel den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer. An gleicher Stelle wurde 1961 ein neues Haus eröffnet: quadratisch, markant, radikal, mit einer auffälligen Waschbeton-Fassade. Das zweitgrößte Opernhaus Deutschlands. Aus der einstigen Großstadt war in der Zwischenzeit ein Bezirk geworden, aber deshalb nicht weniger stolz.

„Das Haus ist von außen vielleicht nicht das, was man sich unter einer klassischen Oper vorstellt“, sagt Dietmar Schwarz. Seit fünf Jahren ist er der Intendant der Deutschen Oper Berlin. Der Name von einst ist fast geblieben, genauso wie der Gründungsgedanke. „Zeitgenössische Musik spielt nach wie vor eine sehr wichtige Rolle“, sagt der 60-Jährige, der zuvor am Theater Basel tätig war und das unter seiner Leitung zwei Mal zum Opernhaus des Jahres gewählt wurde. Nun ist zeitgenössische Musik nicht jedermanns Sache. Viele behaupten vehement, neue Musik täte in den Ohren weh. Ja, sie sei geradezu körperlich schmerzhaft. „Wir mögen das, was wir gewohnt sind“, sagt Schwarz. Aber zu viel Gewohnheit tue auf Dauer auch nicht gut. In jeder Saison wird eine große Produktion realisiert, oftmals sind es Uraufführungen. Das zeichnet die Deutsche Oper Berlin aus. In dieser Saison wurde zum Beispiel „L’Invisible“ uraufgeführt. Die Oper stammt von Aribert Reimann, geboren 1936 in Berlin, heute einer der am meisten gespielten Komponisten der Gegenwart. Ein Heimspiel sozusagen.

Die Leitung der Deutschen Oper ist für Dietmar Schwarz ein Traumjob, nach wie vor. Auch wenn die Sache mit dem Familiengeist in einem derart großen Betrieb schwierig sei. Aber genau auf diese familiäre Atmosphäre legt Schwarz besonderen Wert. Deshalb sind zum Probenbeginn einer neuen Produktion alle Mitarbeiter*innen eingeladen. Dirigent*in und Regie erklären, was sie vorhaben: der ersten Geige genauso  wie dem technischen Team.

Vor rund 100 Jahren war Charlottenburg eine Großstadt – und im Grunde ist das auch heute noch so. Eine große Stadt in einer noch größeren Stadt, in der Vernetzung auch eine wichtige Rolle spiele. Deshalb sei es für die Deutsche Oper wichtig, Teil des Campus Charlottenburg zu sein, sagt der Intendant. Auch wenn sich der Campus selbst noch entwickeln und konkretisieren müsste. Aber in Charlottenburg ging man schon immer neue Wege. Und zu viel Gewohnheit tut auf Dauer nicht gut.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2017