Das Leben im Fokus

Das hauseins ist in Berlin einzigartig. Patientinnen und Patienten, die auf eine Palliativ- oder Intensivversorgung angewiesen sind, wohnen dort so selbstständig wie möglich

Melanie Laube, Beate Lange, Nicole Marquardt (v.l.) Foto: hauseins Vermietung und Beratungsgesellschaft mbH

„Das Herz des hauseins ist das Beratungszentrum“, diese Feststellung ist Nicole Marquardt wichtig. Ihre Stimme ist ruhig, bedächtig. „Zu uns kommen Menschen in Ausnahmesituationen. Im Beratungszentrum findet die Initialberatung statt. Nur im gemeinsamen Gespräch können wir die Angebote individuell passend zusammenstellen.“ Das offene Beratungszentrum befindet sich im Erdgeschoss des hauseins. Es ist die Schnittstelle. Mit Vorträgen, Veranstaltungen und einem Trauercafé. Für Betroffene und Angehörige. Auch für Selbsthilfegruppen und Schulungen.

Das hauseins ist nicht nur Beratungszentrum. Es ist die erste Einrichtung in Berlin, die sich auf die Tumor- und Palliativversorgung sowie auf die Intensiv- und Beatmungspflege spezialisiert hat. Und die dabei betreutes Einzelwohnen anbietet. „Unsere Mieterinnen und Mieter sind zwischen 20 und 90“, sagt die Gerontologin, die zusammen mit Beate Lange und Melanie Laube die Einrichtung leitet. Allein zwischen der Eröffnung im April 2012 und dem folgenden September lebten 181 Menschen dort. „Damals hatten wir sehr viele junge Patienten. Der Altersdurchschnitt lag bei etwa 50 Jahren“, erinnert sich die 38-Jährige. Das Haus bietet kleine Appartements, in denen die Mieterinnen und Mieter so selbstständig und selbstbestimmt wie möglich leben. Die Versorgungsmöglichkeiten im hauseins sind ambulant. Pflegedienste sind rund um die Uhr im Haus. Im Vordergrund steht aber nicht die Pflege als solche. Sondern die Überwachung der Vitalparameter oder der Beatmung.

„Nicht alle unsere Mieterinnen und Mieter sind in ihrer letzten Lebensphase angekommen“, erklärt Nicole Marquardt. Manche bleiben mehrere Jahre. Andere bleiben dagegen nur einige Wochen. Oder gar nur Stunden. Eines haben die Mieterinnen und Mieter des hauseins an der Bismarckstraße jedoch gemeinsam: Sie haben einen schweren Schicksalsschlag erfahren. „Schwerste Krankheit, krankheitsbedingte Veränderung der Lebensumstände“, sagt Marquardt.

Palliative Hilfestellungen ummanteln alle negativen Folgen einer Ausnahmesituation. Von der psychischen Betreuung bis zur Wohnraum-anpassung. Im hauseins konzentriert man sich auf das Leben der Menschen. „Wir verbinden verschiedene fachliche Angebote“, erklärt Nicole Marquardt, „so können wir die Menschen auffangen, die woanders durchs Raster fallen würden.“ Wie zum Beispiel Personen, die auf eine Trachealkanüle angewiesen sind. Oder palliative Intensivpatient*innen mit Kopf-Hals-Tumoren und/oder Beatmungspflicht. Oder Menschen mit einer fortgeschrittenen COPD – einer chronisch obstruktiven Lungenkrankheit, bei der sich die Lunge entzündet und die Atemwege dauerhaft verengen. „Nicht für alle ist ein Hospiz geeignet und die Pflege Zuhause geht nicht immer. Aus ganz verschiedenen Gründen“, erklärt Nicole Marquardt.

Damit die bestmögliche Versorgung sichergestellt werden kann,  arbeitet das hauseins mit verschiedenen Partnern zusammen. „Wir greifen auf ein regionales Netzwerk zurück“, sagt Marquardt, „im Sinne eines Lotsensystems.“

Die Endlichkeit ist im hauseins zwar tagtäglich präsent. Aber sie bestimmt nicht den Alltag.

Susanne Hörr; Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2015