Demokratie aus den Wolken

Das Unternehmen Signavio bietet zum ersten Mal eine Software als reinen Cloud-Service an. Durch sie können Arbeitsabläufe grafisch dargestellt werden

Die Gründer: Torben Schreiter, Nicolas Peters, Willi Tscheschner, Dr. Gero Decker (v.l.) Foto: Signavio GmbH

Wie backt man einen Schokokuchen? Man braucht Mehl und Eier, Zucker und etwas Butter. Vermutlich auch ein bisschen Backpulver. Und natürlich Schokolade. Hat man die Zutaten zusammen, stellt sich die Frage: In welcher Reihenfolge soll man sie zusammenfügen? Zu welchem Zeitpunkt den Backofen einschalten? Einerseits soll er rechtzeitig heiß sein, andererseits will man nicht unnötig Energie verschwenden. Gero Decker zeigt auf ein Diagramm mit Pfeilen, Kästchen und Symbolen. So sähe es also aus, wenn man mit der Software des Berliner Unternehmens Signavio einen Kuchen backen würde.

Natürlich geht es nicht um Kuchen. Und auch nicht um die Reihenfolge der Zutaten. Es geht um mittelständische und große Unternehmen und um deren Prozessmanagement. „Aber das Kuchen-Diagramm ist ein gutes Beispiel für das, was wir machen“, sagt Decker, Geschäftsführer von Signavio. Das 2009 gegründete Unternehmen macht, vereinfacht gesagt, Geschäftsabläufe sichtbar. Mit Hilfe einer speziellen Software werden aus unsichtbaren und verworrenen Arbeitsprozessen plötzlich einfache Grafiken.

Entstanden ist die Software aus einer Promotionsarbeit am Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam. „Ein Kollege hatte damals die Vision, dass sämtliche Programme nicht mehr auf dem Desktop gespeichert, sondern über das Internet genutzt werden“, sagt  Decker. Damals, das war um das Jahr 2006. Die Idee, spektakulär: Ein Programm, das über den Webbrowser läuft. An Smartphones oder Cloud-Systeme war damals noch nicht zu denken. „Das Komplizierteste, was es damals gab, war Ebay“, sagt Decker, einer der vier Firmengründer.

Aus der theoretischen Arbeit wurde erst ein großes Experiment und dann ein spektakulär neuartiges Produkt: Eine Software, die zum ersten Mal als reiner Cloud-Service angeboten wird. Mehr als 500 Unternehmen nutzen die Software mittlerweile. Darunter sind beispielsweise große Banken, aber auch der Tiefkühltortenhersteller Coppenrath & Wiese. Für die Unternehmen hat die Software mehrere Vorteile. Durch den Cloud-Service sparen sie sich die Kosten für teure Programme. Die Software wird nicht gekauft, sondern gemietet. Es wird nichts auf dem Desktop gespeichert, zeitraubende Updates auf jedem einzelnen Computer entfallen, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzen die gleiche, neueste Version.

„Früher gab es in den Unternehmen nur ein paar Gurus, die sich mit Prozessmanagement auskannten“, erklärt der Unternehmer. Durch die neue Software können nun mehr  Mitarbeiter*innen ihr Wissen einbringen und mitgestalten. Aber auch Geschäftspartner, Lieferanten und Kunden. Daraus entwickle sich eine Art Demokratisierungseffekt und wiederum ein Mehrwert für die Unternehmen, erklärt Decker. Die Prozesse werden optimiert, Fehler vermieden. Das sehen wohl auch die Unternehmen so. Im ersten Halbjahr 2014 wuchs Signavio um 72 Prozent, mittlerweile wurden in den USA und Singapur Dependancen eingerichtet.

Dabei war der Anfang alles andere als einfach. „Die ersten eineinhalb Jahre waren sehr schwierig“, sagt der 32-Jährge. Mit einer Power-Point-Präsentation gingen die Gründer Klinken putzen. Die Resonanz: katastrophal. Potenzielle Kunden waren skeptisch, das Unternehmen sei noch zu klein, die Technologie zu unsicher, das Risiko zu groß. Nur die Krankenkasse AOK glaubte an die Idee und  stieg mit ein. Seitdem haben die prozessoptimierenden Wolken Aufwind.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2014