Der Freundschaftsdienst

Dilhan Görgün ist vieles: Geschäftsmann, Unternehmensberater, Buchhalter. Seit 14 Jahren stellt er mit seinem Unternehmen Orpedo auch erfolgreich Bandagen und Orthesen her

Orpedo Orthopedics Company KG

Dilhan Görgün hat die Hände zusammengefaltet. So, dass sich seine Finger kreuz und quer miteinander verwoben haben. Dann beginnt der 46-Jährige von Maschen und Strickmustern zu erzählen und deutet dabei auf das Fingergeflecht seiner Hände. Er erzählt von Rundstrick und Flachstrick und davon, wie die Maschen ineinandergreifen. Wie die Silikonpelotten eingearbeitet werden müssen und wo die Nähte verlaufen. Er erzählt von Kniedrehpunkten und Biomechanik und davon, dass der Flachstrick den Vorteil habe, sich besser an die Körperform anzupassen. Görgün kennt sich mit Maschen bestens aus. Vor 14 Jahren gründete er die Firma Orpedo. Seitdem entwickelt und vertreibt das Unternehmen Bandagen und Orthesen.

Dilhan Görgün kennt die verwunderten Blicke und die Frage: Wie wird aus einem Mann, der schon zwei Firmen für Buchhaltung und Unternehmensberatung betreibt, ein Hersteller von Bandagen und Orthesen? Die Firmengeschichte ist eine Leidensgeschichte, denn sie beginnt mit der Krankheit eines Freundes. Für diesen macht sich Görgün auf die Suche nach geeigneten Hilfsmitteln. Ein halbes Jahr ist er unterwegs. Was er findet, ist wenig befriedigend. Entweder sind die Produkte teuer und voller Mängel oder sie werden von der Krankenkasse nicht bezahlt. Görgün liest sich ein, geht zu Schulungen, beschäftigt sich intensiv mit der Thematik – und hat eine Idee. Warum nicht eine Firma gründen?

Einmal war er kurz davor, aufzugeben. Die Produkte waren fertig entwickelt, die Bandagen hatten alle nötigen Tests und Prüfverfahren bestanden, da erschien das neue Verzeichnis für medizinische Hilfsmittel. Ohne Orpedo. Wer in dem Verzeichnis nicht drinsteht, bekommt auch keine Hilfsmittel-Nummer, kann also vom Arzt nicht verschrieben und von der Krankenkasse nicht bezahlt werden. „Das Ganze war eine Katastrophe“, sagt Görgün. Er stand vor der Entscheidung: aufgeben oder weitermachen. Er hat weitergemacht. Etwas anderes hätte zu ihm auch nicht gepasst. Er ist das, was man einen Macher nennt. Widerstände sind ein zusätzlicher Ansporn.

Er wolle etwas zurückgeben, sagt der Vater dreier Töchter. Vielleicht erklärt sich damit sein Engagement – sei es für den kranken Freund, beim Straßenfest für Menschen mit und ohne Behinderung oder bei seiner Arbeit für den Verein Ku´damm International. Nichts ist für Dilhan Görgün schlimmer als das Klischee vom Türken, der nur Döner oder Gemüse verkaufen kann. „Ich bin der einzige türkische Bandagen-Hersteller in Europa“, sagt er. Nicht mit angeberischem Stolz. Sondern als Feststellung: Alles ist möglich.

Und so war es auch. Im nächsten Verzeichnis ist Orpedo aufgelistet. Sieben Jahre ist das nun her. Heute sind die Produkte die einzigen auf dem Markt, die von Beginn an alle eine Zulassung erhalten haben. „Das unterscheidet uns von unseren Mitbewerbern“, erklärt Görgün. Seine Produkte sind zum Beispiel komplett frei von toxischen Stoffen. Das sei bei anderen Herstellern nicht immer gewährleistet. „Bestandschutz heißt das Problem. Viele Hersteller vertreiben noch ihre Altbestände“, sagt der Unternehmer. Und diesen fehlen oft bestimmte Zulassungen, die andere Produkte, die später auf den Markt kamen, nachweisen müssen. Der vermeintliche Nachteil wurde zum Vorteil.

Und die Leidensgeschichte von damals hat ein Ende gefunden: Der Freund ist gesund.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2015