Des Tigers neue Zähne

Seit drei Jahren leitet Andreas Knieriem den Zoologischen Garten Berlin. Sein Ziel: einen der letzten historischen Orte Berlins zukunftsfähig machen

Dr. Andreas Knieriem © Zoo Berlin

Es soll Kinder geben, die träumen davon, später einmal Zoodirektor zu werden. Andreas Knieriem war kein solches Kind. „Ich wollte nie Zoodirektor werden“, beteuert der 52-Jährige. Nun ist Andreas Knieriem aber genau das geworden: Zoodirektor. Seit 2014 leitet er nicht nur einen der ältesten Zoos Deutschlands, sondern auch einen sehr beliebten, allein im vergangenen Jahre hatte der Berliner Zoo 3,3 Millionen Gäste, 70 Prozent davon waren Tourist*innen.

„Mein Traumjob war eigentlich Tierarzt. Das war es, was ich als Kind immer werden wollte. Tierarzt im Zoo“, erinnert sich Knieriem. Ist da also etwas schiefgelaufen? Eigentlich nicht. Es ist nur wie so oft, man rutscht einfach in etwas hinein. Nach dem Studium der Tiermedizin arbeitete Knieriem im Duisburger Zoo, später in Hannover. In Hannover leitete er unter anderem das Zuchtbuch für den Drill, eine Primatenart aus der Familie der Meerkatzenverwandten – und dort war er maßgeblich an der Umgestaltung des alten Zoologischen Gartens in einen modernen Erlebnis-Zoo beteiligt. Das brachte ihm schließlich den Ruf an den Münchner Tierpark Hellabrunn ein. Man suchte einen Zoodirektor, einen Modernisierer. Das war 2009. Fünf Jahre später kam das Jobangebot aus Berlin. Der Zoo brauchte dringend eine neue Führung und eine Zukunftsperspektive. Aber nicht nur der. Zum Zoo gehören auch das Aquarium und der Tierpark.

Das Erbe, das Andreas Knieriem antrat, war alles andere als einfach: Der Tierpark in Friedrichsfelde war in eine wirtschaftliche Schieflage geraten und auf dem Gelände lagerten mehrere Hundert Tonnen giftiger Bauschutt, den sein Vorgänger hinterlassen hatte. Allein die Beseitigung dieses Sondermülls kostete zwei Millionen Euro. An beiden Standorten waren viele Tiergehege marode, die Infrastruktur veraltet und es fehlte ein technischer Leiter. Wenn Knieriem davon erzählt, schüttelt er den Kopf und lacht. Seine Devise: „Ärger ist ein täglicher Rohstoff, der niemals ausgeht.“ Knieriem hat Spaß am Ärger, er ist für ihn Antrieb, Motivation.

„Ein Zoo hat etwas Magisches“, sagt er. Und der Berliner Zoo war schon immer besonders magisch. Sei es durch den Eisbären Knut oder die Panda-Bären, die es deutschlandweit eben nur in Berlin zu sehen gibt. Knieriem kennt das Potenzial seines Zoos, aber er kennt auch die Herausforderungen: Denn neben den magischen Geschichten trägt der Zoo eine Menge Historie mit sich herum. Der Denkmalschutz hänge wie „eine Käseglocke“ über dem Gelände. „In Berlin gibt es wenige Orte, die noch so traditionell sind“, sagt Knieriem. Vieles sei noch wie zu Uromas Zeiten. Geschichte ist das eine, Platzmangel das andere. Der Zoo kann sich durch seine Lage mitten in der Stadt nicht einfach beliebig erweitern. Aber: „Ein Zoo muss sich weiterentwickeln. Er ist nie fertig“, sagt der Direktor. Also wird behutsam saniert und instandgesetzt. Bei laufendem Betrieb wurden die Eingänge am Hardenbergplatz umgebaut, es entstand eine 5.000 m² große Anlage für die Pandas. Vom Stressfaktor her ist das wohl in etwa so, wie wenn man einem Tiger ohne Vollnarkose die Zähne zieht. „Einem Tiger die Zähne zu ziehen, macht keinen Spaß“, sagt der ehemalige Tierarzt. Die viel größere Herausforderung sei es, die Zähne gesund zu halten.

Der Zoo ist wie ein Tiger. Er soll seine Zähne behalten. Aber hier und da sind ein paar Plomben nötig.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2017