Die Ästhetik von Bits und Bytes

Wo andere Kreative den Pinsel nehmen, greift Joachim Sauter zur Tastatur

Gemeinschaftsprojekt mit dem Berliner Leuchtenhersteller Selux: die OLED-Lampe „Manta Rhei“ Foto: ART+COM AG

Joachim Sauter bewegt sich zwischen den Welten. Er verknüpft Dinge, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören, beim zweiten aber perfekt harmonieren: Algorithmen mit Ästhetik, Virtuelles mit  Realem, vielschichtige Kunst und funktionale Gestaltung. Und dabei ist er anderen stets einen Schritt voraus.

Während in den 80er Jahren die meisten Kreativen den Computer noch misstrauisch beäugen, beginnt Sauter bereits das Potential der Technik zu erahnen. „Wir waren Vorreiter und haben den Paradigmenwechsel vom reinen Werkzeug zum Leitmedium früher als andere erkannt“, sagt Sauter, der heute Menschen mit interaktiven Installationen und medial-basierten Architekturen so beeindruckt, dass sie ihn mit renommierten Design-Awards überhäufen.

Drei Jahre bevor er Deutschlands jüngster Professor für mediale Gestaltung an der Universität der Künste in Berlin (UdK) wird, gründet Sauter 1988 sein Studio ART+COM, das er mittlerweile mit Andreas Wiek als Aktiengesellschaft führt. Dort lotet er gemeinsam mit GestalterInnen, ProgrammiererInnen, IngenieurInnen und KünstlerInnen die Grenzen des neuen Mediums aus. Zu Beginn tüfteln sie im Bereich virtual reality herum und bringen Jahre vor Google Earth die Erde in 3D auf den Bildschirm. „Wir haben an der Sprache und Grammatik des Internets mitgeschrieben, die heute viele täglich benutzen“, so Sauter, der mittlerweile kreativer Kopf eines 80-köpfigen Teams ist.

Interdisziplinär entstehen nahe des KaDeWe die Ideen zu seinen Arbeiten, die weltweit von Industrie, Kultur, Dienstleistung und Forschung nachgefragt werden. Sauter spielt häufig mit den kollaborativen und reaktiven Qualitäten der neuen Medien und verwischt Grenzen: Bei der Installation „Duality“ in einem Neubaukomplex in Tokio lösen Schritte virtuelle Lichtwellen auf einer LED-Fläche aus, die Impulse werden gemessen und in reale Wasserwellen im angrenzenden Becken umgewandelt. Computer generierte Bewegung reizt Sauter: Die kinetische Leuchte „Manta Rhei“ kombiniert die mechanische Bewegung von Metallplatten mit der immateriellen Bewegung des Lichts.

Stets ist es auch die Schönheit, die den Betrachtenden einlädt, chiffrierte Botschaften zu entschlüsseln oder einfach innezuhalten, wie zum Beispiel bei „Kinetic Rain“: 1216 Regentropfen aus kupferüberzogenem Aluminium tanzen hier in einer komputativ gestalteten Choreographie und verleihen der Abflughalle des Singapurer Flughafens eine Atmosphäre mit Gänsehautpotential.

Während andere von Sauters Format sich vom Erfolg recht geben lassen, hinterfragt sich der Gestalter auch heute noch: die Entfernung zwischen ART+COM und Sauters Meisterklasse an der UdK beträgt 2,8 Kilometer, 30 Studierende zwingen den Professor immer wieder, seine Werke zu reflektieren. „Die beiden Tätigkeiten befruchten sich. Ich gebe meinen Studenten zwar Ideen, die für mich dann verloren sind, aber die Lehre ist unbezahlbar: Sie ist mein Jungbrunnnen.“

Susanne Hörr
Kluge Köpfe 2012