Die weiteren Aussichten

In der griechischen Mythologie konnte Cassandra, die Tochter von König Priamos, das Unheil vorhersehen. Das Unternehmen Cassantec kann das auch – mithilfe einer speziellen Prognosetechnologie

Moritz von Plate © Cassantec AG

Der Mann mit den spitzen Ohren und dem strengen Pony sagt: „Schätzen entspricht nicht meiner Natur.“ Dann zieht er seine rechte Augenbraue nach oben, das vermutlich berühmteste Haarbüschel der Filmgeschichte. Die Augenbraue gehört zu Mister Spock, dem emotionslosen, auf reine Logik bedachten Vulkanier aus der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“. Während Captain Kirk sein Raumschiff durch die unendlichen Weiten des Weltalls bugsiert und knifflige Entscheidungen treffen muss, macht Mister Spock das, was er am besten kann: Er sammelt und analysiert Daten und schafft somit Entscheidungsgrundlagen für seinen Captain. So in etwa sei das auch bei Cassantec, erzählt Moritz von Plate. „Unsere Kunden sind Captain Kirk und müssen die Entscheidungen treffen. Wir sind Mister Spock und liefern die  dazu nötige Analytik.“

Vom Schätzen hält man auch bei Cassantec nicht allzu viel. Stattdessen liefert das Unternehmen zeitlich explizite Prognosen. „Das heißt,  wir prognostizieren, wann mit welcher Wahrscheinlichkeit Störungen an technischen Geräten auftreten werden“, erklärt von Plate. Dafür nutzt das Unternehmen eine Kombination aus Datenanalytik und Expertensystem.  „Diese Kombination ist das Einzigartige an dem, was wir machen“, sagt der gebürtige Bayer.

Ein Beispiel: Um die Restlebensdauer eines Wasserwerks vorauszusagen, analysierte Cassantec historische und aktuelle Betriebs- und Zustandsdaten. Das Ergebnis: Es konnten nicht nur die Restlebensdauer und der Zustand der Anlagen prognostiziert werden, es wurde auch gleich ein kritischer Trend in den Daten eines Generators aufgedeckt. Fazit: Um die Lebensdauer des Wasserwerks bis zum gewünschten Zeitpunkt zu gewährleisten, musste die Auslastung gezielt abgesenkt werden.

Allerdings musste Cassantec ein großes Problem der Datenanalytik überwinden. „Wesentliche Informationen sind nicht in den Daten zu finden“, erklärt der gelernte Betriebswirt. Denn eine Datenanalyse funktioniert nur, wenn es auch Störungsereignisse gibt – Probleme, aus denen das System lernen kann. Probleme sind aber teuer und sie werden normalerweise nicht absichtlich herbeigeführt, nur damit es für die Datenanalytik etwas zu lernen gibt. Hinzu kommt, dass eine einzelne Maschine sich meistens nicht wie der Durchschnitt verhält und die Angaben zur Lebensdauer stark variieren.

Wie kann man also mehr über Störungsereignisse erfahren? Cassantec fragt die Menschen, die täglich mit den Maschinen zu tun haben, die wissen, wie sich ein Lagerschaden in den Daten widerspiegelt. „Oft ist dieses Wissen jedoch nur implizit vorhanden“, erklärt von Plate. Es herauszukitzeln und entsprechend aufzubereiten, das sei die Herausforderung.

Seinen Hauptsitz hat Cassantec, benannt nach der Cassandra aus der griechischen Mythologie, in Zürich. Dort lebt Frank Kirschnick. Er hat das Unternehmen 2007 gegründet und die Algorithmen für die Prognosesoftware entwickelt, unter anderem während seiner Zeit als Doktorand in Stanford. Anfang 2013 stieß Moritz von Plate dazu. Damals war Cassantec noch eine „Ein-Mann-Firma“, stand ohne Investoren ganz am Anfang. Mit Plates Einstieg wurde Berlin zum Mittelpunkt des operativen Geschäfts. Ein Investor gab dem Ganzen den nötigen Schwung, die Prognosesoftware ging an den Markt und das Unternehmen baute verschiedene Partnerschaften auf, unter anderem mit dem japanischen Elektrotechnik- und Maschinenbaukonzern Hitachi. „Mittlerweile sind wir sehr zufrieden“, sagt der Geschäftsführer. Oft blitzten sie mit ihrem Produkt bei den Unternehmen ab: Haben wir schon, brauchen wir nicht. „Viele dieser Unternehmen kommen heute wieder auf uns zu“, sagt von Plate.

Die Zeiten ändern sich, das Problembewusstsein in den Unternehmen auch. Mister Spock würde jetzt die Augenbraue heben und sagen: Faszinierend.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2018