Die Wellenreiter

Das Berliner Start-up R3 hat eine Software entwickelt, mit der kabellose Funksysteme hoch zuverlässig und in Echtzeit betrieben werden können. Die Industrie gerät schon in Wallung

Florian Bonanati, Dr. Mathias Bohge © R3 – Reliable Realtime Radio Communications GmbH, Jasper Büsch

Funksysteme sind wie ein altes Kinderspiel. Man schickt einen Begriff los, der dann von Mitspieler zu Mitspieler, von Ohr zu Ohr geflüstert wird. Und wie bei einem Funksystem weiß man nie genau, was am Ende herauskommt. Aus der „Dampfschifffahrtsgesellschaft“ wird mit etwas Glück ein „Schnellkochtopf“. In diesem Fall würde man wohl sagen: Ups,  teilweiser Datenverlust. Oft bricht das Signal aber auch ganz ab, geht im allgemeinen Gekicher unter. In diesem Fall würde man sagen: Der Knotenpunkt war überlastet, er wurde von einem anderen Signal blockiert oder gestört.

„Um Daten zuverlässig zu verschicken, braucht man normalerweise viel Zeit“, erzählt Mathias Bohge. Zeit, die man beim Betrieb von Robotern, fahrerlosen Transportsystemen, schweren Landwirtschaftsmaschinen oder an den Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine nicht hat. Für die Industrie waren Funksysteme daher uninteressant. Denn Industriekommunikation muss nicht nur echtzeitfähig, sondern auch höchst zuverlässig sein. „Heutige Funktechnologie kann das nicht“, sagt Bohge. Der 41-Jährige lehnt sich zufrieden in seinem Schreibtischstuhl zurück, ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht, dann sagt er: „Aber wir können das.“ Wir, das ist das Berliner Unternehmen R3, gegründet im Juli 2015, von Mathias Bohge, Florian Bonanati, Christian Dombrowski und James Gross. Letzterer ist Professor für Machine-to-Machine-Kommunikation am Royal Institute of Technology in Stockholm. Alle großen deutschen Unternehmen haben mittlerweile bei R3 angeklopft, mehr als eine Million Euro Fördergelder hat das Start-up bereits bekommen, zudem gibt es Investoren und Interessenten aus Japan, den USA und Taiwan. Was bringt die so aus dem Häuschen? Eine Software, die zum ersten Mal eine hoch zuverlässige Echtzeitkommunikation per Funksystem ermöglicht.

 „Man kann sich einen Funkkanal wie das Meer vorstellen. Dort gibt es hohe Wellen und niedrigere Wellen, Löcher und Peaks“, erklärt Florian Bonanati. Die Idee: Man reitet auf der Welle. „Löcher können wir nicht vermeiden, aber wir können andere Wege finden. Wir suchen uns den Wellenberg, um das Signal anzubringen“, sagt der gebürtige Pfälzer. Das funktioniert über massive Kooperation. Die Knoten bilden quasi nicht mehr eine lineare Reihe, sondern jeder Funkknoten kann für den anderen einspringen und die Kommunikation übernehmen.

Die Idee ist grandios, die Umsetzung auch. Denn die Software läuft im Prinzip auf allen Standard-WLAN-Chips. Derzeit hat das Berliner Start-up eine Kooperation mit dem US-amerikanischen  Technologieunternehmen Texas Instruments. „Das war für uns ein ziemlicher Ritterschlag. Texas Instruments arbeitet normalerweise nicht mit einem Start-up zusammen“, sagt Mathias Bohge. Das Berliner Unternehmen ist weltweit die einzige Firma, die auf dieser Ebene Zugriff auf diese Chips hat. Spätestens im 2. Quartal 2019 soll die erste Serienproduktion starten. Wellenreiten für alle.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2018