Diven aus Olivenholz statt Platte auf vier Beinen

Ein Berliner Möbeldesigner entwirft Tische, die durch ihre Schönheit und raffinierte Funktionen bestechen. Und manchmal führen sie ein Eigenleben

Franz-Josef Schulte © Schulte Design GmbH

Franz-Josef Schulte streicht über die Oberfläche, fährt über die Kanten, betrachtet die Maserung, den Riss in der Mitte. „Es fühlt sich an wie Babyhaut“, sagt er. Es ist nur ein Tisch, dem er so zugewandt ist, allerdings ist es sein Tisch: Er hat ihn entworfen und ist 2.000 Kilometer nach Italien gefahren, um dort einem Bauern das Stammholz eines Olivenbaumes abzukaufen, das beim Stutzen entfernt wurde. Mit diesem 250 Jahre alten Holz ist er zurückgefahren und hat es bei einem ostwestfälischen Tischler zu einer Tischplatte verarbeiten lassen, es wurde abgeschliffen und geölt, schließlich von Schulte auf ein Gestell aus gebürstetem Roheisen montiert. „Dieses Holz lebt weiter“, sagt Schulte, „es macht, was es will, und bleibt dabei immer wunderschön.“ Tatsächlich muss man sich einen eigensinnigen Tisch wie diesen als einen Mittelpunkt jeder Wohnung vorstellen, als eine Diva, die alle Blicke auf sich zieht und so kein zweites Mal auf der Welt existiert.

Schulte ist Möbeldesigner und hat sich vor allem auf Tische fokussiert. „Menschen verbringen viel Zeit an Tischen, sie sind dort kreativ oder sitzen mit Familie und Freunden zusammen.“ Die Vorstellung, dass es seine Tische sind, an denen die besten Gespräche geführt und schönsten Stunden verbracht werden, gefalle ihm. Schulte kommt aus einer Familie von Möbelmachern, die Anfänge dieser Familientradition reichen ins Jahr 1888. Er hat Innenarchitektur studiert und sich dann auf Möbeldesign spezialisiert. Der Krefelder ist erst seit zwei Jahren in Berlin. Am Spreebord hat er seinen Showroom eingerichtet, wo er Gäste mit einer Mischung aus rheinischer Freundlichkeit und unaufgesetzter Eleganz herumführt.

Es gebe nichts Schöneres für ihn, als Möbel zu planen und schließlich den ersten Prototyp zu schaffen, „das ist fast so, als würde man ein Kind zur Welt bringen“. An einem seiner Tische aus dunklem amerikanischem Nussbaum führt er vor, was sein Design auszeichne: Um den Tisch zur Tafel werden zu lassen, zieht er lässig eine Platte unter dem Tisch hervor und dreht sie um 180 Grad – Platz für weitere drei Gäste. Dank einer so simplen wie einmaligen Technik lassen sich seine Esstische an beiden Seiten in Sekunden mühelos verlängern. Schulte liebt einfache Ideen wie diese. Einer seiner Schreibtische ist mit einer Gasdruckfeder ausgestattet, die ein Drittel der Tischplatte augenblicklich zu einem Stehpult auffährt. Seine Ideen hat er auch in seinen Küchentischen verbaut: Einer davon gibt, zieht man die Nussbaumplatte auseinander, ein Ceranfeld frei, das sich nach dem Kochen genauso elegant wieder verbergen lässt. Die Geräte sind Hightech aus Deutschland, die Möbel aufwändige Handarbeit – wer sich seine Möbel kauft, soll sein Leben damit verbringen können, sagt Schulte. Seine Produkte sind etwas für Menschen in der „Nach-Ikea-Phase“, so drückt er es aus. Will heißen: Es sind keine Schnäppchen zum Discounterpreis. Aber das sollen sie auch nicht sein. „Wir haben uns viel zu sehr angewöhnt, nur noch auf industrielle Massenanfertigung zu setzen“, sagt er. Er steht wieder an seinem Esstisch aus Olivenholz, fährt noch einmal mit flacher Hand über die samtige Platte. Ein Tisch, sagt er, dürfe schon etwas kosten, denn er sei mehr, ja viel mehr als nur eine Platte auf vier Beinen.

Michael Sellge
Kluge Köpfe 2017