Ein Dirigent der Bits und Bytes

Das Start-up Coire hat eine Software-Schnittstelle geschaffen, damit Computer und Smartphones miteinander musizieren können

Marius Braun, Christian Dietz, Florian Goltz (v.l.) Foto: Lutz Maternowski

Es ist Spätsommer. Quer über die Schreibtische von Marius Braun, Christian Dietz und Florian Goltz ringelt sich eine Weihnachtsstern-Girlande. „Wir hatten in den letzten Monaten Wichtigeres zu tun, als uns um die Büro-Deko zu kümmern“, sagt Marius Braun, als er den verwunderten Blick bemerkt. Es ist der letzte offizielle Tag des Start-up-Trios im Gründerhaus der Technischen Universität Berlin (TU).

Coire ist flügge geworden. Bis jetzt konnte das Start-up im Gründer-Brutkasten des Centre for Entrepreneurship an seiner Idee basteln – finanziert durch ein ESF- und ein Exist-Gründerstipendium sowie den Wettbewerb IKT innovativ. Coire hat die Zeit genutzt und eine Technologie erschaffen, deren Name beim ersten Hören vielleicht etwas megaloman anmutet: „The Almighty HUB“.

„Das Ding ist unheimlich mächtig in seiner Einfachheit“, sagt Christian Dietz über die Software-Schnittstelle. So ruhig und klar wie er spricht, wirkt der 35-Jährige genauso wenig größenwahnsinnig wie seine Mitgründer – drei sympathische, junge Burschen mit einer Begeisterung für digitale Musik und einem profunden Wissen über Bits und Bytes.

Die drei haben einen Software-Baustein geschaffen, der sowohl mit iOs, Android, Mac, Windows als auch Linux läuft. Er synchronisiert die Zeit auf verschiedenen Geräten, damit diese über Musiksoftwares gemeinsam musizieren können. Letztlich funktioniert alles wie bei einem Orchester: Der Klangkörper braucht einen Dirigenten, der den Takt angibt, damit das Cello nicht die Geige überholt und die Trompeten nicht völlig aus der Reihe tanzen. Genauso ist es, wenn Smartphone A mit Smartphone B oder Computer C über Musikprogramme musizieren will. Auch wenn man die Anwendungen auf allen Geräten zur gleichen Zeit startete, so würden sie nach einer gewissen Zeit auseinanderdriften.

Bisher wurde dieses Problem über den Standard „Midi“ gelöst, eine digitale Schnittstelle für Musikinstrumente. Doch die Ansprüche der Coire-Gründer sind höher: Ihnen kommt es auf Microsekunden an. Sie haben ein präziseres System geschaffen, für das man keine extra Hardware benötigt, sondern das die vorhandenen, kabellosen Schnittstellen wie WLan oder Bluetooth nutzt. „Bisher war es außerdem schwierig, sich in eine laufende Session einzuklinken. Bei uns läuft das automatisiert und dynamisch ab,“ sagt Christian Dietz, während plötzlich sein Handy mit dissonanten Klaviertönen dazwischenhackt.

„Das sind meine Initialien in Musikform“, erklärt Dietz. Wie alle Coire-Mitglieder tüftelt er gerne an Klängen, wandelt binäre Dateien durch Algorithmen in Musik um. Ausprobiert haben er und Florian Goltz das schon zu Studienzeiten - als sie Kommunikationswissenschaften und Technische Akustik studiert haben. Ganz in der Nähe, im elektrischen Studio der TU. Auch heute noch gehen sie oft dorthin: „Die Expertise und die Netzwerke hier sind räumlich ziemlich gut greifbar“, sagt Dietz.

Auch wenn der Markt letztlich in den USA ist, so sitzen doch viele der großen Software-Hersteller in Berlin und Hamburg. Mit einem befinden sie sich schon in Verhandlungen, andere sind interessiert. Goltz resümiert: „Wir bedienen zwar eine Nische, aber da passen wir ziemlich gut rein.“

Susanne Hörr
Kluge Köpfe 2014