Ein Sicherheitsgurt für Gelenke

Betterguards-Gründer Vinzenz Bichler ist sich sicher: „Mit unserer Erfindung wäre Reus zur WM gefahren!“

Vinzenz Bichler © Betterguards Technology GmbH

Vinzenz Bichler und der schwedische Ingenieur Nils Bohlin haben etwas gemeinsam: Sie haben den Sicherheitsgurt erfunden. Bohlin für Autos, Bichler für Gelenke. Bohlin wurde dafür in die Automotive Hall of Fame aufgenommen, Bichler ist noch nicht ganz so weit. Der 32-jährige Jungunternehmer und seine Mitgründer Max Müseler und Timo Stumper haben aber schon mehrere Stipendien und Gründerpreise gewonnen. Diese führten das Start-up ins Charlottenburger Innovationszentrum CHIC, wo ihr Unternehmen Betterguards Räumlichkeiten angemietet hat.

Hier steht Bichler gerade vor einem gläsernen Prüfstand und spannt das Modell eines Fußes in die Apparatur. Mit ihr können er und sein Team hohe Geschwindigkeiten simulieren, die beim Stürzen oder Umknicken entstehen. Denn genau das ist es, was Betterguards verhindern möchte. „Unsere Mission ist es, Gelenkverletzungen zu verhindern“, sagt Bichler mit rollendem „r“. Der Bayer weiß genau, was seine Erfindung können soll. Zu oft hat er sich beim Snowboardfahren die Schulter ausgekugelt und beim Fußballspielen das Kniegelenk verletzt. Er weiß, wie nervig es ist, mit herkömmlichen Schienensystemen zu sprinten. Sie stören, sie sind zu steif.

2011 dachte er sich, dass man etwas erfinden müsste, das an sich beweglich ist, aber im entscheidenden Moment starr wird. Als Kunststofftechniker wusste er, dass es Flüssigkeiten gibt, die sich genau so verhalten: Dilatante Fluide werden sie genannt. „Ihre Zähigkeit nimmt schlagartig zu, wenn man ruckartig daran zieht. Die Teilchen verhaken sich und es kommt zu einem Blockadeeffekt“, erläutert Bichler, während er in seiner Hand ein kleines Modul dreht. Es lässt sich in Bandagen, Orthesen, Wanderstiefel oder Handschuhe einbauen, wo es dann seine Schutzwirkung entfaltet.

Von oben surrt und fiept es. Folgt man dem Geräusch die Wendeltreppe nach oben, gelangt man in einen kleinen Raum, in dem eine ganze Armada von 3D-Druckern vor sich hin arbeitet. Hier entstehen auch Handgelenk- und Fußmodelle für Vinzenz Bichler. Die Geräte gehören 3YOURMIND, einem anderen Start-up, das das Betterguards-Team im Centre for Entrepreneurship (CFE) der Technischen Universität Berlin kennengelernt hat.

„Ich bin der TU Berlin, meinem Professor, Prof. Dr. Kraft, und dem CFE bis heute sehr dankbar. Eine Mitarbeiterin rief mich damals an und meinte, in zwei Tagen sei Einsendeschluss eines Businessplan-Wettbewerbs, ich solle da mitmachen. Das habe ich getan, gewonnen – und alles ging richtig los“, erinnert sich Bichler. Er war extra nach Berlin gekommen, um an der TU Berlin noch einen Master in Medizintechnik zu erwerben. Und auch hier war man von der Idee des Bayern begeistert.

Mit Alexander Fischer hat Betterguards einen erfahrenen Business Angel aus dem Medizintechniksektor ins Boot geholt. An dem Produkt feilen außerdem Werk- und andere Studierende, die ihre Abschlussarbeit bei dem Start-up schreiben. „Unter ihnen sind übrigens viele, die  Volley- oder Fußball spielen und die Verletzungen auch leid sind“, sagt Bichler und fügt hinzu, wie eng das Netzwerk in der City West sei: Uni, Büro, Mensa und andere Start-ups – alle in Reichweite.

Bichler, sein Team und namhafte Investoren wissen um das große Anwendungspotenzial des Adaptors. Jetzt heißt es: Verträge aushandeln und das Produkt serienreif machen. Das Interesse der Industrie ist da. Volvo baute übrigens den von Bohlin entwickelten Dreipunktgurt ab 1959 serienmäßig ein. Alles nur eine Frage der Zeit.

Susanne Hörr
Kluge Köpfe 2015