Für das Leben der Anderen

Der Mediziner Dr. Heiko Jessen forscht und lehrt gegen das HI-Virus an. Er war beim Anfang der Epidemie dabei – und will auch ihr Ende miterleben

Dr. Heiko Jessen Foto: Praxis Jessen² + Kollege

Motzstraße 19, ein Altbau, wie so viele in Schöneberg. Nichts deutet darauf hin, dass dies ein Ort ist, an dem Leben grundlegend verändert werden. Nur wer sehr sorgfältig das Schild über der Klingel liest, merkt, dass die Arztpraxis im Inneren eine besondere ist: „J2 – Dr. med. H. Jessen und Dr. med. A. B. Jessen – Allgemeinmedizin, Infektiologie, Proktologie und Sportmedizin“.

„Wir sind eine Praxis für alle – mit spezieller Ausrichtung“, sagt Dr. Heiko Jessen, silberfarbene Haare, dunkle Brille. Er sitzt an einem großen, hölzernen Konferenztisch. An der Wand Bücher, die sorgfältig sortiert sind: „Gay Short Fiction“ und „Men on men“ sind ebenso zu finden wie „Thiemes Innere Medizin“ und „Diabetes aktuell“. „Ich habe 1994 die Praxis für eine Minderheit gegründet“, erzählt Jessen. In den Kreditantrag schrieb er damals, er wolle das Geld in eine Praxis vor allem für „Männer, die Sex mit Männern haben“ investieren.

Deshalb ist Jessen auch in die City West gezogen, mitten hinein in den ältesten Regenbogenkiez der Welt. Seitdem ist die Praxis stetig gewachsen. Mittlerweile praktizieren hier zwei Jessens, deshalb auch der Name „J2“. Außer Bruder Arne kamen noch drei weitere Fach- sowie vier Assistenzärzte hinzu. Heute erstreckt sich die Praxis auf 700 Quadratmetern über zwei Etagen. Noch eine Besonderheit: Sie hat 365 Tage im Jahr geöffnet.

Dass er Spezialist für Infektionen werden würde, war nicht immer klar. Schon früh kam er mit dem Thema „HIV“ in Berührung. In den 80er Jahren hat Jessen in San Francisco studiert, wo die Epidemie damals richtig wütete: „Es war ein Massensterben, so viel Hoffnungslosigkeit, so gnadenlos. Ich wusste damals nicht, ob ich das ein Leben lang machen wollte.“ Nach einigen Umwegen wollte er dann doch. Und das mit Erfolg. Zwei seiner Patienten haben Medizingeschichte geschrieben.

Jessen deutet in die oberste Reihe des Regals. Dort thront das „New England Journal of Medicine“, eines der renommiertesten Fachblätter der Branche. Auch er hat darin publiziert. In seinem Aufsatz geht es um den „Berlin Patienten“, einen Mann, der HIV hatte und als geheilt gilt. Der Mediziner formuliert es etwas vorsichtiger: „Sie kontrollieren die Infektion nun ohne Medikamente.“ Er benutzt den Plural, denn es gibt zwei „Berlin Patienten“, was häufig vergessen wird.

Der Arzt lässt seine Karriere Revue passieren: Die Anfänge, als er fast jede Woche am Totenbett eines jungen HIV-Patienten saß, die Anfeindungen von Kolleg*innen, ihr Vorwurf, er habe Diagnosen gefälscht und sich von der Pharmaindustrie bestechen lassen. Jessen aber hat sich nicht beirren lassen, hat weitergemacht, er lehrt an der Charité und engagiert sich in der Forschung.

Eine Etage höher steht ein Behälter mit Stickstoff, darin Blutproben von frisch Infizierten, die anonym in die USA geschickt werden. Jessen kooperiert mit Universitäten und Forschungsinstituten, an denen Grundlagenforschung im Kampf gegen HIV betrieben wird: Berliner Robert Koch-Institut und Harvard zum Beispiel.

„Die Epidemie ist eine Herausforderung meiner Generation. Und es gibt Grund für Optimismus“, Heiko Jessen war von Anfang an dabei und er will auch das Ende von HIV erleben. „Ich habe mich große Teile meines Lebens für die Heilung engagiert. Schön wäre, wenn sie spätestens dann käme, wenn ich in Rente gehe.“ Jessen ist jetzt 57. Ein paar Jahre bleiben noch.

Susanne Hörr
Kluge Köpfe 2015