Früher war auch nicht alles besser

Die GFBM integriert Menschen in den Arbeitsmarkt – seien es Jugendliche, Arbeitssuchende oder Migrant*innen. Es gibt viel zu tun. Aber nicht erst seit gestern

Linda Stratmann-Strohm, Silke Gmirek © GFBM, Julia Heller

Es war ein denkwürdiger Sonntag, als Eliud Kipchoge durch die Straßen raste, angefeuert von Tausenden von Zuschauern, immer einen Schritt der Zeit voraus. Im Ziel zeigte die Uhr 2:01:39 – noch nie war ein Mensch einen Marathon schneller gelaufen als der Kenianer gerade eben in Berlin. Währenddessen sind weiter hinten im Feld drei Läufer in auffällig pink-blauen Trikots unterwegs. Es sind Mitarbeiter der Gesellschaft für berufsbildende Maßnahmen, kurz GFBM. Ein Foto auf Instagram zeigt sie später verschwitzt, Arm in Arm, dazu der Hashtag „#bildungläuft“.

Wenn Bildung laufen soll in dem Sinne, dass man Menschen fit für den Arbeitsmarkt macht, dann ist nicht Sprintfähigkeit gefragt, sondern Ausdauer. Und die hat die GFBM. Seit 25 Jahren hilft sie dabei, Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Zum Beispiel durch Ausbildung, Berufsvorbereitung, Trainingsmaßnahmen, Weiterbildungen oder Sprachkurse. Jeden Monat absolvieren etwa 3 000 Teilnehmer*innen die angebotenen Kurse. Betreut werden sie von rund 400 Mitarbeiter*innen an 12 Standorten in Berlin.
Linda Stratmann-Strohm, die Geschäftsführerin der GFBM, und Silke Gmirek, ihre Stellvertreterin, sitzen in einem der Unterrichtsräume an der Lützowstraße. Etwa 600 Bildungsträger gibt es in der Stadt, und alle stehen in Konkurrenz zueinander. Wie hebt man sich da aus der Masse heraus? „Ich denke, wir haben einen Ruf als Profis“, sagt Stratmann-Strohm. Die Expertise liegt vor allem in der Arbeit mit Migrant*innen und in der Sprachförderung. „Da gibt es in Berlin wohl niemanden, der mehr über dieses Thema weiß als wir“, fügt Silke Gmirek hinzu.

Das an die GFBM angeschlossene Sven Walter Institut entwickelte beispielsweise im Auftrag des Berliner Senats ein Curriculum für die Willkommensklassen. „Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, wie man die Sprachförderung in den Stoffplan der Lehrkräfte integrieren kann, ohne dass es zusätzlicher Angebote wie Nachhilfe bedarf“, erklärt Gmirek. Das Curriculum war schon länger geplant, bekam aber durch die aktuelle Zuwanderung besondere Bedeutung. Das Wort „Flüchtlingskrise“ hören Linda Stratmann-Strohm und Silke Gmirek nicht gerne. Sie sagen, die Flüchtlingszahlen haben sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. „Wenn man die Zahlen vergleicht, dann war die Situation in Berlin vor 20 Jahren kaum eine andere als heute“, so die Expertinnen. Nur werde das Ganze heute anders diskutiert, besessener. Während die Politik einerseits leugnet, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, arbeite man andererseits an der Umsetzung eines Integrationskonzepts. Die Expertinnen sind sich aber einig: Nie war der Zugang zur gesellschaftlichen Teilhabe leichter. „Wenn die Geflüchteten oder Migrant*innen die Angebote wahrnehmen, dann haben sie eine Chance, relativ schnell in die Gesellschaft integriert zu werden.“ So bietet die GFBM in Kooperation mit dem Philipp-Pfaff-Institut, der Fortbildungseinrichtung der Zahnärztekammer Berlin und Brandenburg, einen speziellen Fachsprachkurs für Mediziner*innen und Zahnärzte*innen an. Drei Monate lang wird gepaukt, um die westlichen Standards zu lernen. „80 Prozent der Teilnehmenden lassen sich später als Arzt nieder“, sagt Gmirek.

Einen Marathon gewinnt man nicht am Start. Man gewinnt im Ziel, mit einem langen Atem.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2018