Gespür für das Richtige

KPM-Chefdesigner Thomas Wenzel wagt den Spagat zwischen Moderne und Tradition und stößt dabei auf Kartoffeln und die Schönheit von Unkraut

Thomas Wenzel © Elke A. Jung-Wolff

Wer Thomas Wenzel ein bisschen besser verstehen will, muss den Umweg über die Kartoffel gehen. Denn der Chefdesigner der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) ist bescheiden. Er erzählt nicht gerne von seinen Erfolgen – und wenn doch, dann mit dem Einschub: „Das schreiben Sie jetzt aber nicht.“

Als das 300-jährige Jubiläum Friedrich II. anstand, wollte Wenzel nicht das x-te Konterfei des großen Königs entwerfen, dessen Insignien die Berliner Porzellan-Manufaktur auch heute noch schmücken. Wenzel wollte den preußischen Schwermut aufbrechen und etwas Humorvolles machen – und stieß auf die Kartoffel und die vielen Geschichten, die sich um sie, den alten Fritz und Voltaire rankten. In einem Nebensatz sagt Wenzel dann: „Die Kartoffel als solche, das ist so eine wunderbare Frucht. Für mich hat sie eigentlich nur gute Eigenschaften: Sie liegt unter der Erde und prahlt da nicht mit irgendeiner Farbe herum. Letztlich hat sie aber die Welt erobert.“

Vielleicht ist Thomas Wenzel auch eine solche Kartoffel. Er prahlt nicht, trifft aber mit dem, was er tut, den Geschmack der Menschen. Seit 1989 arbeitet der Thüringer hinter den Kulissen der Manufaktur, entwirft Formen und Dekors, arbeitet mit großen Designerinnen und Designern an neuen Services. „Wir profitieren von unserem Standort bis heute. Berlin ist eine Kulturmetropole und zieht die Künstler an“, sagt der 49-Jährige. Bereits seit 1871 sitzt das Unternehmen im Tiergarten, wo sich Thomas Wenzel täglich der Herausforderung stellt, die die Arbeit in einem Traditionsunternehmen wie KPM mit sich bringt: dem Spagat zwischen Tradition und Moderne.
Wie groß diese Aufgabe ist, erschließt sich jedem, der an den Vitrinen der Ausstellungsräume entlangläuft. Wer dies tut, erlebt ein Phänomen: Man wandelt zwar an der Vergangenheit vorbei, bleibt jedoch immer in der Gegenwart. Denn das, was man dort sieht, ist zeitlos. Die Teller, Vasen und Schüsseln aus längst vergangenen Jahrhunderten wirken noch genauso aktuell wie das Bauhaus-Geschirr Urbino oder das Service „Berlin“ von Enzo Mari aus dem Jahr 1996. Und sollte etwas doch zu angestaubt anmuten, ist es die Aufgabe von Thomas Wenzel, alte Werte neu zu interpretieren. Er hat dann keine Scheu, einer klassizistischen Amphore einen neuen Anstrich zu verpassen.

Dabei geht Wenzel eigene Wege. Wenn er den Auftrag bekommt, mal zu schauen, was andere so machen, tut er das. Aber nur, um genau dies dann nicht zu tun. Kreative Menschen seien in gewisser Weise auch Störer. Menschen, die Sehgewohnheiten aufbrechen, streiten und sich durchsetzen. „Deshalb kommt der Kreative auch schnell in den Verruf, ein bisschen verrückt zu sein. Die Zeit aber gibt ihm meistens recht“, sagt Wenzel und fügt schnell hinzu, dass er damit nicht unbedingt sich selbst meine. Doch genau das ist es, was er tut.

So hat er zum Beispiel den Spagat zwischen Moderne und Tradition ausgerechnet bei dem Service „Berlin“ gewagt. Als die Fachwelt davon Wind kriegte, war sie entsetzt: Blumenmalerei auf Enzo Mari?! Das Ergebnis aber überzeugte. Wenzel war auch hier den Weg der Kartoffel gegangen: Wo andere auf Rosen, Tulpen und Narzissen gesetzt hätten, hat sich der Designer für Gänseblümchen, Hopfen-Luzerne und Zwerg-Alpenglöckchen entschieden. Er hat die Schönheit des Unkrauts, des Kleinen und Bescheidenen entdeckt. Wenzel erläutert: „Man braucht ein Gespür für das Richtige. Mitunter ist das eben so: Wenn einer Gas gibt und alle sagen, wir müssen auch Gas geben, dann ist es vielleicht richtig zu sagen: Moment, wir bremsen jetzt mal.“
Das bedeutet übrigens nicht, dass Thomas Wenzel nicht auch mal beschleunigen kann. Eines seiner Projekte hatte sogar ziemlich viel PS unter der Kühlerhaube: Gemeinsam mit Bugatti hat KPM einen Wagen mit Porzellanelementen entworfen – sowohl im Außen- als auch im Innenbereich. Dabei sind Welten aufeinander geprallt: Industrie auf Manufaktur, Stahl auf Porzellan, Präzision auf einen lebendigen Werkstoff. „Die Ingenieure hatten eine ganz andere Denkweise. Für sie war alles immer ganz einfach, aber bei uns bewegt sich der Werkstoff noch einmal, wenn er gebrannt wird“, erläutert Wenzel die Besonderheit des Porzellans, das beim Sintern schwindet. „Es bäumt sich noch einmal auf.“

Unter anderem sind Tankdeckel, Fußleisten und die Mittelkonsole in Porzellan gestaltet. Letztere lässt sich sogar herausnehmen und in eine Schale für einen Picknickkorb umfunktionieren. Dort ist sie allerdings als Behältnis für Kaviar konzipiert – die Kartoffel wäre in diesem Fall dann doch zu bescheiden.

Susanne Hörr
Kluge Köpfe 2013