Gießen für die Ewigkeit

In vierter Generation führt Hermann Noack die Kunstgießerei seiner Familie fort. Die Bronzeskulpturen aus ihrer Werkstatt haben die Kunstgeschichte geprägt

Hermann Noack © Bildgießerei Hermann Noack GmbH + Co. KG

Schon auf dem Weg in die Werkhallen begegnen dem Gast Artefakte einer langen Erfolgsgeschichte: Eine gedrungene Gestalt aus Bronze mit erhobenem Arm steht in einem Gang, gleich gegenüber ein bronzener nackter Jüngling. Von einem preußischen Trakehner-Gestüt die eine, aus dem Berliner Olympiastadion der andere, sind beide zurückgekehrt in die Werkstatt, in der sie einst gegossen wurden. Unbeeindruckt haben sie die Jahrzehnte überstanden, so wie sie auch die nächsten Jahrhunderte überdauern werden – die Bronze, aus der sie gemacht sind, ist zäh und geduldig. Vielleicht ist es dieser Trotz gegenüber den Zeitläuften, der auch Bronzegießer wie die Noacks auszeichnet. Hermann Noack junior hat die Firma von seinem Vater übernommen, so wie dieser von seinem, dessen Vater wiederum die Kunstgießerei Noack 1897 gründete. 120 Jahre, in denen um sie herum Monarchien, Demokratien und Diktaturen zusammenbrachen, die Noacks aber Bronzen für die Ewigkeit gossen. Käthe Kollwitz ließ hier ihre „Mutter mit totem Sohn“ anfertigen, die heute in der Neuen Wache steht. Der Neuguss der Quadriga auf dem Brandenburger Tor ist ein Guss der Noacks, die „Large Two Forms“ von Henry Moore vor dem alten Kanzleramt in Bonn ebenso. So geht es immer weiter: Barlach, Schmidt-Rottluff, Schlemmer, Kiefer, Meese, Craig.

„Die ist von Baselitz“, sagt Noack beiläufig mit einem Blick auf ein Mädchen mit Hula-Hopp-Reifen. Der 51-Jährige sagt das alles nur auf Nachfrage, er trägt die großen Namen nicht wie eine bronzene Monstranz vor sich her.

Einen gewissen Stolz lässt er allenfalls erahnen, wenn er von schwierigen Aufträgen spricht, von Skulpturen, die mit ruhiger Hand und geübtem Blick sorgfältig ziseliert werden müssen, um den Künstleranspruch zu erfüllen.

Führt Noack durch die Werkhallen, stapft er durch eine dicke Schicht pulvrigen Gipses auf dem Boden, der hier bei der Verarbeitung anfällt. Die Hallen, 4.100 Quadratmeter angefüllt mit Öfen, Drehbänken sowie halbfertigen Formen und Figuren, hat er 2010 an das Spreebord bauen lassen, erst kürzlich erweitert und teilweise vermietet. Einen großen Raum richtet Noack gerade als Showroom ein. „Als Kunstgießer geht es immer auf und ab“, sagt er, „da kann ein zweites Standbein nicht schaden.“

Um den Guss von jährlich 30 Tonnen Bronze zu stemmen, verlässt er sich auf 35 Mitarbeiter*innen, die seltene Berufe wie Ziselierer*in, Sandformer*in und Gießereimechaniker*in haben. Er selbst, aufgewachsen zwischen Gips und Bronze, lernte den Beruf des Sandformers und später des Gießereimechanikermeisters. Welches Verhältnis er zu den Kunstwerken hat, die seine Werkstatt verlassen, lässt sich Noack nicht anmerken. „Ich bin ein Handwerker und nichts weiter als ein Handwerker“, sagt er. Einen Favoriten hat er dennoch: In seinem Büro steht ein bronzener Elefant, auf dem zwei Mädchen sitzen. Die Skulptur ist von seiner Frau, die selbst Künstlerin ist – die Mädchen auf dem Elefanten sind seine Töchter. Die nächste Generation der Noack-Dynastie.

Michael Sellge
Kluge Köpfe 2017