Hüterin der Einheiten

Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt ist die oberste Instanz bei allen Fragen des richtigen und zuverlässigen Messens. 2017 feiert sie 130sten Geburtstag

Dr. Sascha Eichstädt © Physikalisch-Technische Bundesanstalt

Seit Generationen lernen Schüler*innen hierzulande, dass die Dampfmaschine 1769 von James Watt erfunden wurde, 1886 mit Carl Benz die Geburtsstunde des Automobils schlug und die Gebrüder Wright 1901 den ersten motorisierten Flug unternahmen. Das Jahr 1887 bleibt hingegen unerwähnt, obwohl es in zweifacher Hinsicht die Weichen stellte für Deutschlands Aufstieg zu einem der führenden Industrieländer: Es war das Jahr, in dem deutsche Produkte in Großbritannien erstmals mit der Aufschrift „Made in Germany“ versehen wurden – zunächst um damit vor minderwertiger Ware zu warnen. Aus dem Schmähsiegel wurde bald ein Gütesiegel und ist es bis heute geblieben. Daran hat eine Institution enormen Anteil: die Physikalisch-Technische Reichsanstalt, heute eine Bundesanstalt. Seit jenem Jahr 1887 ist sie die Hüterin der Einheiten und penible Verteidigerin der Qualität. Um Einblick in dieses altehrwürdige Institut zu erhalten, muss man sich vom Ernst-Reuter-Platz auf den Weg machen, vorbei an der Technischen Universität, um sodann für etliche Minuten ein weitläufiges und mit alten Kastanien bepflanztes Gelände zu streifen, das mit mannshohen Mauern und Zäunen von der Hektik der Marchstraße abgeschirmt wird.

Hier, in einem der wuchtigen Gebäude der Kaiser-Wilhelm-Zeit arbeitet Sascha Eichstädt. Der 35-Jährige bietet einen wohltuenden Kontrast zum machtvollen Gebäudeensemble, das ihn umgibt. Er ist ein Mann, der offenbar nichts auf große Gesten gibt, der viel lächelt und seinen Dienst in einem schlicht eingerichteten Büro tut. Der Mathematiker hat reichlich von jener Geduld, derer es bedarf, um Laien sein Handwerk zu erklären. Allein schon die Auskunft, an einem metrologischen Institut zu arbeiten, ruft das immergleiche Missverständnis hervor: „Die Leute nehmen dann an, ich mache irgendwas mit Wetter“, sagt er. Doch Metrologie ist nicht Meteorologie, Eichstädt befasst sich nicht mit Hochs und Tiefs, sondern mit Lumen und Ampere, Meter, Kilo und all dem, was als messbare Einheit gilt. „Wir sorgen dafür, dass Messgeräte absolut zuverlässig arbeiten und unterstützen beispielsweise Eichbehörden genauso wie die Industrie“, sagt er. Wo immer eine Einheit gemessen wird – von einer Personenwaage bis hin zu Sensoren bei Crashtests – werden Messinstrumente eingesetzt, die kalibriert werden müssen. Kalibrieren heißt: Sicherstellen, dass das angezeigte Kilogramm auf einer Waage tatsächlich auch exakt dem entspricht, was als Kilogramm definiert wird. „Ein Kalibriergerät muss natürlich besser und genauer sein, als das Messgerät selbst“, sagt Eichstädt. Mehr als 1.500 von der Bundesanstalt zugelassene Labore bieten solche Kalibrierungsdienste in Deutschland an, regelmäßig müssen sie überprüft werden. Hersteller benötigen zudem das Know-how, um mit größtmöglicher Akkuratesse zu produzieren. Die Anstalt ist ein Paradies für Pedanten, „Pi mal Daumen“ gilt hier nicht, es brächte „Made in Germany“ in Verruf.

Eichstädt hat vor neun Jahren hier als Promotionsstudent angefangen und fand so gute Arbeitsbedingungen vor, dass er auch nach seiner Promotion blieb: „Nirgends sonst hatte ich Einblick in so viele Bereiche, die sich von Fusionsreaktoren bis zu LED-Vermessung erstreckten.“ Gemeinsam mit deutschen Unternehmen oder der benachbarten Technischen Universität und dem Charlottenburger T-Lab erschließt die PTB neue Themengebiete, kooperiert in Projekten und entwickelt gemeinsame Ideen. Innovation ist hier kein Modewort, sondern seit 130 Jahren Alltag. Während andere Reden über die digitale Zukunft halten, forschen Eichstädt und seine Kolleg*innen längst an dieser Zukunft. Hinter den alten dicken Mauern der Bundesanstalt setzen sie diese Arbeit geräuschlos und unaufgeregt fort, damit „Made in Germany“ ein Gütesiegel bleibt.

Michael Sellge
Kluge Köpfe 2017