Haste mal eine Idee?

Jovoto bringt alle zusammen - Lösungen sind heutzutage eine Gemeinschaftsleistung

Bastian Unterberg Foto: Jovoto GmbH

Mit Ideen ist das so eine Sache. Zuerst sollte man eine haben, dann sollte sie noch zünden – und im besten Fall die Welt verändern. Doch vorbei sind die Zeiten, in denen einsame Genies in ihren Kammern saßen und vom Geistesblitz getroffen wurden. Vorbei die Zeiten, in denen große Unternehmen ihre Aufträge nur an renommierte Agenturen, an Designerinnen und Designer vergeben haben. Heute sind Ideen basisdemokratisch. Sie können von mehr als 40.000 Menschen erdacht werden. 40.000 Menschen, das heißt: genauso viele Charaktere, noch mehr Meinungen und dutzende Kulturkreise. Und alle diskutieren, schlagen vor, kritisieren und verbessern – und das zu jeder Zeit und rund um den Globus. Sie alle sind Teil von Jovoto, einer gigantischen Ideenschmiede.

„Hier werden Ideen Realität, die vorher vielleicht nicht verwirklicht worden wären“, sagt Bastian Unterberg. Der 34-Jährige hatte vor rund sechs Jahren die Idee zu diesem Netzwerk. Aus dem Studenten von damals ist erst ein Firmengründer und mittlerweile ein viel beschäftigter Unternehmer geworden. Ende 2008 ist Jovoto offiziell gestartet, seit zwei Jahren gibt es eine Dependance in New York.

Anders als soziale Netzwerke wie Xing geht es Jovoto nicht bloß um die Horizontale. Es geht nicht darum, nur Gleiche unter Gleichen zu verbinden, Menschen in einer ähnlichen Position und mit ähnlichem Lebenslauf. „Unsere Idee war ein Netzwerk in der Vertikalen – wo man nicht einfach nur die Lebensläufe sehen kann, sondern auch die Art, wie ein Mensch arbeitet“, sagt Professor Thomas Schildhauer. Er lehrt an der Universität der Künste, am Institute of Electronic Business. Hier hat Bastian Unterberg studiert, in seinem letzten Semester als Projektmanager gearbeitet und seine Projektidee entwickelt. Bis heute sind Thomas Schildhauer und sein Kollege Professor Wolfgang Hünnekens als Business-Angels mit dabei. Dass aus der Projektidee das größte unabhängige Netzwerk Europas werden könnte, hätte sich wohl keiner der Drei träumen lassen. Große Unternehmen wie die Deutsche Bahn, Coca-Cola oder Maggi greifen auf die Ideen zurück, die im Netzwerk entwickelt wurden.

Das Konzept hinter Jovoto klingt so einfach, wie genial: Unternehmen können im Netzwerk eine Ausschreibung starten. Zum Beispiel wie diese hier von Starbucks: Das Unternehmen produziert pro Jahr rund eine Milliarde Pappbecher. Bis 2015 will die Kaffee-Kette rund ein Viertel seines Mülls einsparen. Wie kann das funktionieren? „430 Ideen wurden damals eingereicht, die Ausschreibung mehr als eine halbe Million Mal angeklickt“, erinnert sich Thomas Schildhauer.

Die Idee ist aber wie so oft erst der Anfang: Die anderen Netzwerk-Mitglieder können kommentieren, kritisieren und Verbesserungsvorschläge machen – und sie können für die Idee abstimmen. Das Konzept mit den meisten Stimmen gewinnt die Ausschreibung und damit auch das Preisgeld. Das kann bis zu 70.000 Dollar betragen. Nach dem Wettbewerb kann sich das Unternehmen entscheiden, eine Idee umzusetzen und exklusiv die Rechte an der Nutzung zu erwerben. Aber selbst wer mit seiner Idee nicht gewinnt, profitiert: durch den Karma-Algorithmus. „Das ist die Belohnung für ein gutes Auge“, sagt Schildhauer. Wer oft bei der Gewinneridee richtig lag, bekommt selbst Punkte: Karma-Punkte. „Das zeigt den Unternehmen: das ist einer mit einem guten Riecher“, sagt Unterberg.

Trotz der Kleinsthierarchie der Jovoto-Welt gibt es etwas, das anfangs nur schwer zu überbrücken schien: „Wir mussten eine gemeinsame Sprache finden“, sagt Bastian Unterberg. Auf der einen Seite die Kreativen, auf der anderen Seite die Unternehmen – und dazwischen Jovoto quasi als Vermittler. Für Bastian Unterberg ist es nach wie vor ein Lernprozess: „Alle diese Regeln, die gemeinsame Sprache und der Respekt – das kann man nicht aus einem Lehrbuch nehmen.“

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2012