Heimweh auf der Haut

Sina Thomaseth hat aus ihrer Not eine Tugend gemacht – und Heimat tragbar. Ihre Mode orientiert sich an österreichischen Trachten

Foto:Gustav Willeit, Model Christiane Gamper

Ohne Heimat sein, heißt leiden. So schrieb es einmal der russische Schriftsteller Dostojewski. Gelitten, ja das hat Sina Thomaseth in Berlin tatsächlich. „Ich wollte nach meiner Ausbildung an einer tollen Uni studieren, das war für mich klar“, erinnert sich die Absolventin der Universität der Künste (UdK). Doch richtig glücklich wurde Sina Thomaseth in Berlin nicht. Sie sei hier nie so wirklich angekommen, sagt sie. Zu groß war die Sehnsucht nach der Heimat – und ist es noch. Nach den Bergen Österreichs. Genauer, nach den Bergen Tirols. In der Nähe von Innsbruck, in Telfs, hatte Sina Thomaseth vier Jahre gelebt, hatte dort ihre Schneider-Lehre absolviert, hatte dort ihren Freund – alles war perfekt. Doch die Lehre war irgendwann zu Ende, der Freund fort und so zog es die Designerin zum Studium in die große Stadt, nach Berlin. Doch die große Sehnsucht nach den Bergen blieb.

Was also tun, um das Heimweh zu lindern? Sina Thomaseth machte aus ihrer Not eine Tugend. Sie schneiderte Kleider in der Tradition österreichischer Trachten. Ihre Röcke mit einem einfachen Gummiband orientieren sich zum Beispiel an den schweren Unterröcken der Dirndl. „Ich wollte das Gefühl von Heimat tragbar machen“, erinnert sich die 32-Jährige. Mittlerweile sind ihre Röcke und Oberteile gefragt, die Designerin viel beschäftigt. Gerade erst hat sie ihre neue Kollektion fertig gestellt.

Sina Thomaseth sitzt in einem kleinen Büro an der Marie-Elisabeth-Lüders-Straße. Auf dem Boden steht ein schwarzer Koffer, der Deckel ist aufgeklappt, darin liegen noch die Kleider von der letzten Reise. Die Designerin entschuldigt sich, sie sei erst vor ein paar Stunden zurückgekommen. Es ist wie bei dem Propheten und dem Berg. Wenn der eine nicht zum anderen kommt, dann muss es eben umgekehrt gehen. So ist es auch bei Sina Thomaseth. Sie reist mit ihrer Mode von einem Luxus-Hotel zum anderen. Häuser in der Schweiz, in Österreich, in Südtirol, in Bayern und Brandenburg stehen auf ihrem Reiseplan. In rund 20 Hotels stellt die De-signerin mittlerweile ihre Mode vor. Bei sogenannten Fashion-Teas zum Beispiel. Hotel und Designerin profitieren gleichermaßen von der Kooperation. In manchen Häusern war die 32-Jährige bereits acht Mal zu Gast. Die Resonanz ist jedes Mal positiv, das Auftragsbuch reichlich gefüllt. „Es gibt in den Hotels aber keine Modenschau mit Models oder so“, stellt Sina Thomaseth klar. Die Kleider werden lediglich aufgehängt oder ausgelegt.
Angefangen hatte alles mit einigen treuen Stammkundinnen. Sie luden die Designerin zu Beginn ihrer Karriere ein. Bei Kaffee und Kuchen wurden dann die neuesten Kleidungsstücke begutachtet. „Das war für die Kundinnen aber immer auch ein riesen Aufwand“, erinnert sich Sina Thomaseth. Bei einem Urlaub in Südtirol zusammen mit Freunden kam ihr dann der Gedanke, wie man die Idee aufgreifen und professionalisieren könnte. „Ich fragte in unserem Hotel einfach mal nach, ob Interesse besteht“, sagt die Designerin. Interesse bestand – und somit war die Geschäftsidee geboren.

Seit 2011 ist die gebürtige Nürnbergerin nun selbstständig – und hat sich damit einen Kindheitstraum erfüllt. Doch der Anfang war schwer. „Ich stand ganz alleine da“, sagt Sina Thomaseth rückblickend, „doch meine Entscheidung stand fest: Ich mach das jetzt.“ Also sprang sie ins kalte Wasser, ohne Startkapital, den Blick nur in eine Richtung: vorwärts. An der UdK lerne man zwar, wie man ein Kleidungsstück designe. Doch wie man ein Unternehmen gründe, lerne man dort nicht. Mittlerweile hat Sina Thomaseth ihr Büro im Charlottenburger Innovations-Centrum (CHIC). Hier fühlt sie sich gut aufgehoben. Die Rahmenbedingungen stimmen. Vor allem die Verbindlichkeit im Haus sowie in der ganzen Gegend gefalle ihr. Der Stoffgroßhandel und der Zubehörladen sind in der Nähe, ihre alte Uni ist gleich ums Eck. „Die Nähe zur UdK war vor allem am Anfang sehr wichtig für mich“, erinnert sich die Designerin. Sie konnte dort die Werkstätten mitbenutzen und sich bei ihren alten ProfessorInnen Rat holen. – Den hat Sina Thomaseth nun allerdings nicht mehr so dringend nötig. Und auch mit dem Heimweh ist es schon besser geworden.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2013