Herausforderung angenommen!

In der City West sitzen drei Architekten, die unsere Welt gestalten. Ihre Entwürfe sind völlig unterschiedlich, die Worte, die sie gebrauchen ganz ähnlich: Sie sprechen vom Wesentlichen, von Innovation und schrecklichen Styroporkisten

Jürgen Mayer H. - Metropol Parasol, Sevilla Foto: Nikkol Rot für Holcim

Drei Architekten. Drei Orte in der City West. Drei Lebenswege. Wer sich schnell durch die Internetseiten der Büros von Oliver Collignon, Jürgen Mayer H. und Arup, wo Rudi Scheuermann arbeitet, klickt, kommt schnell zu dem Urteil „völlig verschieden“. Wer genauer hinsieht, kann nicht nur Vernetzungen erkennen, sondern den ähnlichen Geist erahnen, der durch die Büros der Architekten weht. Denn wo andere sich längst auf einen Kompromiss geeinigt hätten, gehen die drei weiter und suchen nach neuen Lösungen. Alle drei bringen die kreative Energie auf, innovativ zu sein. Und das auch gemeinsam.

So kommen zum Beispiel Objekte heraus wie das City Light House an der Ecke Kantstraße und Joachimstaler Straße, das Oliver Collignon entworfen hat und in dem Arup sitzt – und damit auch Rudi Scheuermann. Dieser leitet die Berliner Dependance des internationalen Ingenieurbüros und ist weltweit für Fassadenplanung zuständig. Er kann das Fenster öffnen, ohne dass -20°C kalte Luft einströmt und ihn der Verkehrslärm belästigt. Collignon hat ein ökologisches Vorzeigeprojekt geschaffen, das versucht, mit den thermischen Gegebenheiten optimal umzugehen. Und nachts, wenn das Gebäude aus seiner inneren Logik heraus strahlt, wenn Architektur und LED-Lichtstreifen eine Symbiose eingehen, dann offenbart es dem Passanten die Philosophie seines Architekten: die des Reduzierten.

„Ich habe immer sehr stark nach dem Wesentlichen in den Dingen gesucht“, erzählt Oliver Collignon. Was er damit meint, versteht man, wenn er von der „Space Problem“-Übung bei seinem Lehrer Arthur Takeuchi erzählt. Bei diesem, „einer Mischung aus Mies van der Rohe und Zen-Meister“, hat Collignon in Chicago studiert. Fünf Minuten lang hatte der Lehrer den Hallen-Entwurf seines Schülers schweigend betrachtet und die Räume fast meditativ auf sich wirken lassen. Dann die Reaktion und der Tipp, eine Wand ein wenig nach rechts zu verrücken. „Dann machte ich das – und baff: der Raum stimmte plötzlich. Das war eine Art Erleuchtungserlebnis, das bis heute tief in mir drin steckt“, sagt Oliver Collignon. Heute entwirft er mit seinem Team Hotels, Wohn- und Bürogebäude in Berlin, aber auch U-Bahnhöfe und Sportpavillons in China oder plant Städte in Rumänien.

Egal was er tut, er hat dabei immer das Reduzierte im Sinn. „Ein nachhaltiges Gebäude beschränkt sich auf die wesentlichen Dinge und macht aus ihnen eine Qualität“, sagt der Architekt, der Nachhaltigkeit sehr breit definiert. Zu dem ökologischen Gesichtspunkt gesellt sich bei Collignon noch ein humanistischer hinzu. Er möchte Lebensraum schaffen, der sich gut anfühlt, der inspiriert und von Zwängen befreit, der Kommunikation fördert, so dass sich Menschen austauschen können und sich ihr kulturelles Potential entfalten kann: „Wenn ich Styroporkisten baue mit kleinen Fensterlöchern, damit das Haus möglichst wenig Energie verbraucht, ist das für mich nicht unbedingt nachhaltig, wenn die Menschen darin eine Depression bekommen“, erläutert Collignon.

Sein Konzept scheint aufzugehen. Im City Light House hat die Kreativität ihren Platz gefunden. Hier gestalten Rudi Scheuermann und seine Kollegen wiederum den Lebensraum anderer. Ihr Vorsatz klingt ähnlich: „Wir wollen die Welt besser hinterlassen als wir sie vorfinden.“ Es könnte eine Floskel sein, wie sie in den Hoch-glanz-Broschüren vieler Corporate Social Responsibility-Abteilungen zu finden ist, aber wer sich eine Weile mit Rudi Scheuermann unterhält, merkt, dass Arup es ernst meint. So ist nicht nur die Lage des Büros am Verkehrsknotenpunkt Bahnhof Zoo absichtlich gewählt. Sie ermöglicht es den Mitarbeitenden, mit Bus und Bahn zur Arbeit zu kommen. Auch in ihren Entwürfen und Konstruktionen versucht die globale Arup-Familie, mit den gegebenen Ressourcen nachhaltig und energetisch vernünftig umzugehen.

Der Grundsatz, mit dem Rudi Scheuermann Herausforderungen angeht, klingt einfach. Es gebe lediglich zwei Arten von Lösungen – eine gute und eine schlechte: „Die Kunst besteht darin, die gute Lösung von der schlechten Lösung unterscheiden zu können – und aus der guten eine ansprechende zu machen“, sagt der Fassadenplaner und Membranbau-Spezialist. Zur Veranschaulichung kritzelt er auf den Zettel vor sich das Haus vom Nikolaus. „Den gleichen Entwurf von dem Haus hier können sie sehr gut und sehr schlecht bauen. Mit guten Materialien, detailliert gebaut – oder eben nicht.“

Dass auch ein einfacher Entwurf mit wenigen Mitteln Eindruck machen kann, zeigt der Vorschlag für die Beleuchtung der Bahnbrücke Kantstraße nur wenige Minuten vom City Light House entfernt. „Die Analyse hat ergeben, dass durch die Autos immer schon ganz viel Licht da ist – viele reflektierende Farbkleckse, die nach oben abstrahlen.“ Und so hat sich Arup in Zusammenarbeit mit Prof. Hans Peter Kuhn von der Universität der Künste Berlin das Licht in seiner unterschiedlichen Qualität zu Nutze gemacht: warm-weiß, kalt-weiß im Wechsel. Eine einfache und budgetfreundliche Idee.

In der Architektenwelt weiß man, dass die DesignerInnen, LichtplanerInnen, IngenieurInnen, BeraterInnen und technischen SpezialistenInnen von Arup nach genau dieser Lösung suchen: der guten. Norman Foster und David Chipperfield wissen das genauso wie Oliver Collignon und Jürgen Mayer H., die beide schon mit Arup gearbeitet haben. „Es ist ein Geben und ein Nehmen, ein Für und ein Wider, ein Abwägen“, sagt Rudi Scheuermann über die Zusammenarbeit mit anderen Architekten, „Es ist ein Gemeinschaftsprozess, durch den man manchmal eben eine sehr, sehr gute Lösung zustande bringen kann – wie in Sevilla.“

Dort ragt in der Altstadt eine riesige pilzartige Struktur aus Holz in den Himmel: Der Metropol Parasol, den Jürgen Mayer H. mit den Ingenieuren der Berliner und Madrider Dependance von Arup realisiert hat. In 40 Büros und über 100 Ländern ist Arup aktiv, was bei der Umsetzung enorm hilft, wenn lokale Kolleginnen und Kollegen ein Projekt vor Ort betreuen können.

In Sevilla war die Lage alles andere als einfach und die Anforderungen des Wettbewerbs enorm: römische Fundamente mussten zugänglich gehalten werden, gleichzeitig sollte Platz für Autos und den Markt geschaffen werden. Man plante die Konstruktion in Stahl, aber sie war zu schwer. In Berlin rechnete man. Man entwarf – und verwarf und kam letztlich auf Holz und Kleber, auf eine Technik, die sich Bonding Technology nennt. „Technologische Entwicklungen zu beobachten, ist wichtig. Nur so kann man am Limit weiterentwickeln und Grenzen verschieben“, sagt Jürgen Mayer H.. Trotz anfänglich kritischer Spanierinnen und Spanier, die das Projekt für eine elitäre Selbstverwirklichung ihres Bürgermeisters hielten, entstand so Schritt für Schritt eine Innovation – und das größte Holzbauwerk der Welt.

Wenn Jürgen Mayer H. Studierende unterrichtet, lässt er sie beispielsweise über „The Power of Beige“ nachdenken. Was macht die Farbe aus? Welche Rolle spielt sie in der Architektur? So möchte der Architekt den Blick des Nachwuchses schärfen. Sie sollen eine Haltung zu einem Thema, zu einer gesellschaftlichen Fragestel-lung entwickeln.

Dies tut er auch selbst. Schon seit den 90er Jahren beschäftigt sich Mayer H. mit einem Thema, das gerade quer durch alle Medien, Regierungen und Parlamente gezerrt wird: Datensicherung. 1994 ist ihm etwas aufgefallen, das die meisten vielleicht unbewusst wahrnehmen, wenn sie den neuen Tan-Block von ihrer Bank bekommen: die Datensicherungsmuster. Ein wirres Gewusel aus Zahlen und Buchstaben, das sensible Daten vor fremden Augen schützen soll. „Die Buchstaben haben eine Funktion, aber keinen Inhalt“, erläutert Mayer H., „es ist wie mit der Architektur: Ein Raum ist neutral und extrem spezifisch gleichzeitig. Der Inhalt aber kommt von den Menschen, die ihn besetzen.“

So wie bei Metropol Parasol in Sevilla, durch die heute Gay Parades und katholische Prozessionen führen. „Der Ort wird hier übrigens aus dem Objekt heraus definiert und nicht aus dem Rahmen oder Fassaden“, sagt Mayer H. und spannt den Bogen zurück nach Berlin. Das sei bei den Parasols genauso wie mit der Gedächtniskirche. Seinem Lieblingsort in Berlin, direkt neben Collignons City Light House, vor Scheuermanns Nase.

Susanne Hörr
Kluge Köpfe 2013