Hinter dem Tellerrand

Interdisziplinarität – das ist die Zukunft. Die Technische Universität Berlin und die Universität der Künste Berlin haben dafür die neuartige Hybrid Plattform geschaffen

Hybrid Plattform

Der Mensch schaut überall hin. Von einer kleinen Raumstation hinunter auf die Erde zum Beispiel. Oder mit riesigen Teleskopen hinaus ins ferne Weltall. Oder er schaut mit Mikroskopen hinein in winzige, menschliche Zellen. Viel zu selten allerdings schaut der Mensch über seinen Tellerrand – oder zumindest hinüber auf die andere Straßenseite. Manchmal würde es auch schon reichen, einfach nur den Kopf nach rechts oder nach links zu drehen und drei Hausnummern weiter zu schauen. Ein guter Ort dafür ist die Hardenbergstraße. Denn dort gibt es eine ganze Menge zu entdecken – ganze Wissenswelten zum Beispiel. Und ganze Universitäten.
Zwei, die sich gerade entdecken, sind die Technische Universität Berlin, kurz TU, und die Universität der Künste Berlin, kurz UdK. Seit einiger Zeit treten die beiden Institutionen schon unter der gemeinsamen Marke „Campus Charlottenburg“ auf. Manchen geht das aber noch nicht weit genug.

So wie Christoph Gengnagel und Barbara Stark. Mit weiteren engagierten Mistreitern haben sie die sogenannte Hybrid Plattform ins Leben gerufen. Etwas kryptisch liest man dazu auf der Internetseite: „Netzwerk und transdisziplinäres Projektlabor für Grenzgänger und Querdenker.“ Dabei soll die Plattform nicht einfach nur abstrakt im Internet existieren. Sie soll ein realer und greifbarer Ort sein. Mittlerweile hat die Plattform deshalb ein richtiges Büro bekommen. Dort arbeiten richtige Menschen an richtigen Schreibtischen. Diese stehen in der UdK am Einsteinufer 43. Seit die entsprechenden Fördermittel bewilligt wurden, nimmt das ambitionierte Projekt an Fahrt auf.

„Wir wollen so eine Art Satellit sein“, sagt Christoph Gengnagel, er ist Professor für Konstruktives Entwerfen und Tragwerksplanung im Fachbereich Architektur an der UdK und neben Barbara Stark, der Leiterin der Forschungsabteilung der TU, Projektkoordinator für die Hybrid Plattform. Das Ziel dieses Satelliten soll es sein, „von beiden Seiten die besten Leute anzulocken“, erklärt Gengnagel.

Doch die Verantwortlichen wollen noch mehr: In wenigen Jahren soll die Hybrid Plattform zu einer echten Institution geworden sein – greifbar und lebendig, fest im universitären Leben verankert. Der Normalfall sozusagen. Ein feste Einrichtung, die Lehr-, Forschungs- und Entwicklungsprojekte „an der Schnittstelle von Wissenschaft, Forschung und Gestaltung“ möglich macht. Entstanden ist die Idee dabei aus dem Projekt „Nachhaltige Vitalisierung des kreativen Quartiers auf und um den Campus Charlottenburg“ – kurz Navi BC genannt. Das klingt ein wenig wie der Beginn einer neuen Zeitrechnung: BC, das könnte auch als Abkürzung für „before cooperation“ stehen – also „vor der Zusammenarbeit“.

Und tatsächlich, mit der Hybrid Plattform könnte so etwas wie ein neues Zeitalter der Kooperation beginnen, für beide Universitäten. Denn Forschung- und Entwicklungsteams bestehen heute nicht mehr nur aus den Mitgliedern einer einzelnen Fachrichtung: Heute arbeiten Physikerinnen zusammen mit Informatikern, mit Architektinnen oder Chemikern. Elektrotechnikerinnen bringen ihr Wissen genauso ein, wie Graphik-Designer oder Mathematiker. Experten für „Computer Engineering and Microelectronics” kooperieren neuerdings ohne weiteres mit ProfessorInnen aus dem Lehrgebiet „Gestalten mit digitalen Medien“. Interdisziplinarität heißt das Stichwort der Zukunft. Und genau da, soll die Hybrid Plattform leisten: Sie soll künftig Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen schnell und unkompliziert zusammenbringen. Projektideen können einfach auf der Internetseite der Hybrid Plattform ausgeschrieben werden.

„Mit der Plattform können wir das Vakuum schließen, das es bislang zwischen den Unis gab“, sagt Professor Marc Alexa. Er lehrt an der TU im Fachbereich Elektrotechnik. Gemeinsam mit Professor Jussi Ängeslevä engagiert sich der 38-Jährige intensiv für die neue Plattform. Wer früher sozusagen fachfremd ging, galt als schwarzes Schaf. „Heute sind wir so etwas wie goldene Kühe“, sagt Ängeslevä und lacht. Der Finne lehrt an der UdK „Gestalten mit digitalen Medien“ in den Studiengängen Visuelle Kommunikation sowie Kunst und Medien.

Berührungsängste kennen die beiden Professoren nicht. Man müsse ja schließlich keine Angst voreinander haben, sagt Alexa. Denn in dieser Form der Zusammenarbeit mache schließlich keiner dem anderen sein Fachgebiet streitig. Keiner müsse sich durch den Kollegen bedroht fühlen, da jeder aus einem anderen Bereich komme.

Wenn zwei Universitäten – oder auch nur zwei Professoren aus unterschiedlichen Fachbereichen aufeinander treffen, kann das ganz praktische Probleme haben. Denn dann kollidieren oft auch zwei Vorstellungswelten, zwei Wissenschaftssprachen. Zum Beispiel müssen sich Beteiligten neuerdings über grundlegende Begrifflichkeiten verständigen. Der eine kann unter dem Begriff der Dimension etwas ganz anderes verstehen als der andere.

Rein administrativ heißt das: Die Hierarchie der TU trifft auf die Hierarchie der UdK. Die neue Plattform soll daher künftig auch ganz praktische Vorteile bringen: Wenn Mitarbeitende der beiden Unis bislang gemeinsam ein Projekt realisiert haben, sei meistens folgendes Fazit dabei herausgekommen, erinnert sich Christoph Gengnagel: Das Projekt war zwar inhaltlich super, aber in der Durchführung irre anstrengend. Denn ein universitärer Verwaltungsapparat kann schnell vor allem eines sein: ein bürokratisches Monster.

Ein Projekt, an dem derzeit schon gemeinschaftlich gearbeitet und geforscht wird, ist das sogenannte „Rethinking Prototyping“. Neben der TU und der UdK arbeiten auch das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik und die Telekom Innovation Laboratories mit, die auch in der City West auf dem Campus Charlottenburg ihren Sitz haben. Im Mittelpunkt der Forschung steht dabei das Konzept des Prototyps, dem Urbild einer Produktionsreihe. Der war bislang so etwas wie der Dreh- und Angelpunkt in allen gestalterischen und technischen Prozessen. Bisher bestimmt oft noch die Funktion das Aussehen. Oder das Aussehen ermöglicht nur eine bestimmte Funktion. Das könnte sich in Zukunft ändern. Eines von drei  Forschungsteams thematisiert unter dem Titel „Beyond Prototyping“ die Frage des Prototypen unter dem Gesichtspunkt der Produktionstechnik Rapid Manufacturing. Übersetzt heißt das so viel wie: schnelle Produktion. Bauteile können schnell und flexibel hergestellt werden – und zwar werkzeuglos, rein aus den Konstruktionsdaten. Noch vor der Fertigung kann das Produkt so im virtuellen Stadium analysiert und optimiert werden. Das Verfahren ist nicht dabei nur eine Möglichkeit zur kostengünstigen Produktion, sondern auch eines mit effektivem Materialeinsatz. Beim Rapid Manufacturing immer die direkte Herstellung des Endprodukts im Mittelpunkt. So könnte der Prototyp in Zukunft womöglich ganz obsolet werden. Die Endnutzerinnen und -nutzer selbst könnten dann ihre Produkte als Unikate gestalten und so zu einer Art Hybrid werden. Der Blick über den Tellerrand lohnt sich – in der jeder Hinsicht.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2012