Im Reich der Bilder

Das Berliner Museum für Fotografie am Zoo ist das größte seiner Art in Deutschland. Es ist ein visueller Rausch auf 2.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche

Dr. Ludger Derenthal © Annette Koroll

Vor dem Eingang warten Menschen mit Schlafsäcken, Einkaufswagen und Plastiktüten auf ein warmes Essen in der Bahnhofsmission. Jene, die hinein wollen ins Museum, müssen an den Zukurzgekommenen vorbei und damit an einem Stück Berliner Wirklichkeit. Das Museum für Fotografie am Bahnhof Zoo ist da, wo ein solches Museum hingehört: nicht auf einer isolierten Museumsinsel, sondern dort, wo seit jeher Pendler*innen und Touristenscharen, Obdachlose und Angestellte in Anzügen aufeinandertreffen, wo es in den Bahnhofseingängen streng riechen kann und stets irgendwer nach einer Zigarette fragt. Fotografie ist hier zu Hause, wo sich das Leben von seiner glanzlosen Seite zeigt.

Helmut Newton, als Fotograf selbst in einer ganz anderen Welt berühmt geworden, mochte die Idee, dass hier einmal sein Lebenswerk ausgestellt werden würde. „Dieses Gebäude war zudem das letzte, was Newton sah, als er 1938 seine Heimatstadt verlassen musste“, sagt Ludger Derenthal. Er ist der Leiter der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek, die mit Newtons Stiftung unter dem Dach des Museums für Fotografie vereint ist. Derenthal ist ein bedächtiger Mann, der mit lässiger Eleganz geschliffene Sätze formuliert und voller Geschichten ist über das Haus, dem er seit 13 Jahren vorsteht. Als Offizierskasino der preußischen Landwehr 1909 erbaut, war es Ort rauschender Bälle im prächtigen Kaisersaal und militärischer Schießübungen im Keller. „In den frühen Jahren Westberlins war das Haus dann die Keimzelle vieler Berliner Museen und später Depot der Alten Nationalgalerie“, erzählt Derenthal. Seit 2004 werden hier Bilder von den Anfängen der Fotografie bis hinein in die Gegenwart gesammelt und ausgestellt – künstlerische Arbeiten ebenso wie Dokumentations- und Architekturfotografie. So zeigt die derzeitige Ausstellung Bilder, die sich mit der chinesischen Kulturrevolution auseinandersetzen. „Das Foto“, sagt Derenthal, „ist ein flüchtiges Medium.“ Anders als bei Schrifterzeugnissen gibt es in Deutschland keine staatliche Institution als Pflichtabgabestelle, die Bildmedien sammelt. Sein Museum ist deshalb zugleich auch ein Archiv von 1839 bis heute, eines, das die Veränderungen des Mediums, der Kunst, aber auch der abgebildeten Wirklichkeit zeigt. Auch Digitalaufnahmen werden archiviert, um irgendwann vielleicht in einer der zwei bis drei jährlichen Ausstellungen im großen Saal, dem einstigen Ballsaal, gezeigt zu werden.

Doch ist ein Museum notwendig, wo das Internet Zugang zu Abermillionen Bildern bietet? Derenthal lächelt und spricht von „Aura“ und „Anmutung“, die das originale Bild ausstrahle: „Da passiert etwas mit dem Betrachtenden.“ In seinem Büro, beherrscht von einer gewaltigen Aufnahme eines tristen Fichtenwaldes auf der einen und einer mit Bildbänden angefüllten Bücherwand auf der anderen Seite, blickt er auf ein altes Schwarz-Weiß-Bild von 1890. Es zeigt nichts weiter als das Kings-College in Cambridge. Doch Derenthal liest das Bild wie ein Buch, erfasst Details wie die zwei Männer mit der Rasenwalze oder den wolkenbehangenen Himmel. „Mir stellen sich beim Betrachten solcher Bilder immer wieder neue Fragen“, sagt er. Manchmal findet er Antworten, oft genug bleiben die Bilder sie ihm schuldig. An ihrer Faszination ändert das nichts.

Michael Sellge
Kluge Köpfe 2017