Knochenbau und Gewebezucht

Dr. Drazen Tadic und Oliver Bielenstein haben innerhalb von sechs Jahren ein international erfolgreiches Biotech-Unternehmen aufgebaut

Oliver Bielenstein, Dr. Drazen Tadic Foto:botiss biomaterials group

Dass er beruflich einmal den „Human Cadaver Course“ ausrichten würde, hätte Oliver Bielenstein nicht gedacht: In der Pathologie eines Wiener Krankenhauses. 15 menschliche Köpfe, darum 30 Ärztinnen und Ärzte, die hier zwei Tage lang die neuesten Implantations- und Gewebetechniken ausprobieren. „Als ich das zum ersten Mal gesehen haben, ist mir ganz anders geworden“, erzählt der Wirtschaftswissenschaftler, der früher Investmentbanker und Partner bei Ernst & Young gewesen war.

Mittlerweile ist er aber Geschäftsführer von Botiss, einem innovativen, klinisch orientierten Biotech-Unternehmen mit Hauptsitz in Berlin. Hinter dem Akronym verbergen sich die Worte „bone“ and „tissue“. Das Unternehmen ist die Nummer zwei in Europa für dentale Knochen- und Weichgeweberegenerationen. 2008 haben Bielenstein und Dr. Drazen Tadic, der wissenschaftliche Kopf der Firma, Botiss gegründet.

Zu 70 Prozent ist das Unternehmen im Dentalbereich aktiv und arbeitet hier in Forschung, Anwendung und Weiterbildung eng mit Ärzt*innen und einem internationalen Netzwerk an Universitätskliniken zusammen: „Wir machen aus Löchern Knochen und züchten neues Zahnfleisch“, erläutert Bielenstein die Kernkompetenz.

Keine ganz leichte Aufgabe: Denn auf Zähne wirken große Kräfte – bis zu 80 Kilogramm pro Quadratzentimeter. Damit die Schraube eines Dentalimplantats hält, braucht sie ein massives Fundament. Nicht immer ist dieses gegeben und nicht immer kann der Körper es selbst aufbauen. Aus diesem Grund entwickelt Botiss die unterschiedlichsten Materialien, an denen neue Blutgefäße entlang wachsen und sich Knochen bilden können. „Wir bringen jedes Jahr ein bis zwei neue Produkte auf den Markt“, erzählt Bielenstein. Botiss ist auch im Bereich der Kollagen-Matrizes aktiv, u.a. zum Einsatz in der Neurochirurgie oder Brustrekonstruktion.

Wer die Besonderheit des Unternehmens verstehen will, muss den Ärztinnen und Ärzten über die Schulter blicken, bzw. den Patient*innen in den Mund: Mal müssen in der Sinushöhle Knochen aufgebaut werden, mal fehlen am Unterkiefer drei Millimeter oder gar fünf. Für unterschiedliche Probleme benötigt man auch unterschiedliche Materialien: vom humanen Spenderknochen über synthetische Materialien wie Calciumphosphate und hitzeprozessierte Rinderknochen bis hin zu Kollagen-Matrizes.

Botiss ist deshalb angetreten, ein auf verschiedene Indikationen abgestimmtes Portfolio von Materialien zu entwickeln – sowohl für Hart- als auch Weichgewebe. „Wir haben einen Baukasten, aus dem man sich das beste Werkzeug raussuchen kann“, sagt der 49-Jährige. Um komplexe chirurgische Operationen zu vereinfachen, bietet Botiss auch Knochenblöcke an, die mittels Scan und einer CAD-Software individuell gefräst werden.

Innerhalb von sechs Jahren ist das Unternehmen auf 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an fünf Standorten angewachsen. Der Hauptsitz des Unternehmens befindet sich in der City West. „Drazen und ich hatten keine Lust auf einen Gewerbepark“, erzählt Bielenstein. Von hier aus wirkt das Team hinaus in die ganze Welt. Botiss veranstaltet Webinare auf seiner Education Platform und richtet etwa 500 Seminare und Fortbildungen im Jahr aus. Eine davon ist der „Human Cadaver Course“ in Wien. Klingt makaber, ist aber medizinisch wertvoll: „Jeder Chirurg, der daran teilgenommen hat, ist extrem begeistert“, sagt Bielenstein.

Susanne Hörr
Kluge Köpfe 2015