Lebe lieber besser

Andreas Nagel hat die Melito Gesundheitsschule gegründet. Dort können chronisch Kranke lernen, mit ihrer Erkrankung besser umzugehen

Dr. Andreas Nagel Foto: Melito AG

Andreas Nagel ist etwas verlegen. „Darf man so etwas überhaupt laut sagen“, fragt er. Geschweige denn schrei-ben und veröffentlichen? Zwölf freie Tage habe er in den vergangenen vier Jahren gehabt, erzählt er. Das klingt jetzt zunächst ein bisschen so, als säße einem gerade ein Verrückter, ein Besessener gegenüber. Doch dann beginnt Andreas Nagel zu erzählen – von seiner Vision, seinem Unternehmen, für das er seit Jahren kämpft: Melito – die Gesundheitsschule. Und plötzlich sitzt da kein Verrückter mehr am Tisch, sondern ein Mann, der all sein Herzblut in eine Sache steckt, von der er absolut überzeugt ist. „Etwas Wegweisendes für die Gesellschaft zu schaffen, das treibt mich an“, sagt der 48-Jährige und erzählt, wie die Idee entstand, die in Deutschland derzeit noch einzigartig ist.

Es war vor fünf Jahren. Damals arbeitete Nagel noch als Innovationsmanager bei einem Dienstleister und baute dort ein spezielles Telefon-Coaching-Angebot für chronisch Kranke auf. „Viele chronisch Kranke ziehen sich irgendwann zurück, sie isolieren sich und verlieren die Lebensfreude“, sagt der studierte Soziologe. Bei den Krankenkassen gebe es zwar jede Menge Angebote zur Prävention. So wie Yoga, Pilates oder Rückenschule. Aber Angebote für chronisch Kranke? Fehlanzeige. „Da gibt es nur sehr wenig. Und sehr wenig Professionelles“, sagt Nagel. An diesem Punkt möchte er mit motivierenden Lernangeboten in Gemeinschaft ansetzen. Denn laut einer Studie der Deutschen Stiftung für chronisch Kranke leidet mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland an einer oder mehreren chronischen Erkrankungen. Das können zum Beispiel Diabetes, Stoffwechselstörungen, Herz-Krauslauf-Erkrankungen, Rheuma oder Depressionen sein. Melito bietet Gesundheitskurse zu genau diesen Themen an.

„Es geht uns aber nicht darum, einfach nur Information und Wissen zu vermitteln“, sagt Nagel. Es geht um die Alltags- und Handlungskompetenz. Jeden Tag eine Pille einzuwerfen, das sei einfach. Aber Lebensgewohnheiten anzupassen, sei anstrengend. „Darin liegt jedoch auch die Herausforderung. Unser Leitspruch heißt deshalb: Besser leben lernen“, erklärt Nagel. Untersuchungen haben zum Beispiel gezeigt, dass 80 Prozent des weiteren Krankheitsverlaufes von der Patientin und dem Patienten selbst beeinflusst werden. Die Kurse sind mit maximal zwölf Teilnehmenden klein gehalten und dauern zwischen sechs und zehn Wochen. Geleitet werden sie blockweise von Ärzt*innen, Psycholog*innen, oder Ernährungs-wissenschaftler*innen. „Der wissenschaftliche Anspruch ist uns dabei enorm wichtig. Unsere Kurse basieren auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen“, sagt Nagel. Das sei nicht nur wichtig für die Akzeptanz bei den Krankenkassen, von denen einige die Kosten bereits zu einem großen Teil übernehmen. Es sei auch wichtig für die Akzeptanz bei den Ärzt*innen und vor allem bei den Patient*innen. „Ich könnte kein Produkt anbieten, hinter dem ich nicht voll und ganz stehen würde“, erklärt der Unternehmer.

Digitalisierung ist zurzeit das Schwerpunktthema seines Entwicklungsteams: Geplant sind telemedizinische Formate, Lernverstärker per App und spezielle Krankenhausanwendungen. Digitale Angebote sollen durch ein Filialkonzept ergänzt werden. „Für das einzigartige System-Lernangebot sind wir noch dringend auf der Suche nach Investoren, das Fundraising ist noch nicht abgeschlossen.“ Melito hat Großes vor. Wenn alles nach Plan läuft, gibt es die Lernangebote bald für alle in Deutschland. Deshalb wurde Melito auch gleich als kleine Aktiengesellschaft gegründet. „Ich fand, dieses Kleid passt am besten zu unserem Vorhaben“, sagt der Firmengründer. Dieses Mal, alles andere als verlegen.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2015