Muster erkannt statt ausgemustert

Dirk Müller-Remus’ IT-Consultants erfassen Strukturen schneller als andere, fallen im Berufsalltag aber trotzdem oft durchs Raster. Anders bei Auticon: Hier können autistische Menschen ihr Potenzial entfalten

IT-Consultant Marko Riegel Foto: Björn Wiedenroth / auticon

Draußen schiebt sich der Berliner Verkehr vom Ernst-Reuter-Platz in Richtung Zoo die Hardenbergstraße hinunter. Obwohl die Autos nur leise rauschen, schließt Dirk Müller-Remus die Fenster. Er versucht, die Umgebung reizarm zu halten, weil er weiß, dass seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anders wahrnehmen. Und er hat gelernt, Konjunktive zu vermeiden und sehr direkt das auszudrücken, was er meint.

Es sind Kleinigkeiten, die verraten, dass es sich bei Auticon um eine ganz besondere Firma handelt. Hier arbeiten Menschen, die fachlich hoch spezialisiert sind, aber mit sozialen Konventionen und einem ironischen Augenzwinkern wenig anfangen können. Die IT-Consultants, die hier arbeiten, sind Menschen im Autismus-Spektrum.

Auticon-Mitarbeitende gehen in Unternehmen und testen dort unter anderem hochkomplexe Systeme, analysieren Codes und bereinigen große Datenmengen. Job-Coaches unterstützen sie dabei im Umgang mit Kunden. „Menschen im Autismus-Spektrum bringen andere Qualitäten in die Firmen: Sie sind sehr sachorientiert und haben originelle Lösungsansätze“, sagt Müller-Remus und fügt hinzu: „Auf den ersten Blick merkt man es Ihnen nicht an.“

Auch bei seinem Sohn hatte es 14 Jahre gedauert, bis bei ihm das Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde. Der Geschäftsführer wird ernst: „Wir mussten feststellen, dass das eigene Kind sehr viel Unterstützung im Alltag benötigt.“ In der Selbsthilfegruppe hatte Müller-Remus dann ein Schlüsselerlebnis. Dort saßen 20 Autisten und mit ihnen ihr Dilemma: Auf der einen Seite waren sie unglaublich kreativ und talentiert, anderseits unorganisiert und überfordert. „Und sie hatten alle eines gemeinsam: Sie waren arbeitslos.“

Das war der Punkt, an dem Dirk  Müller-Remus sauer wurde: sauer auf dieses Schicksal, sauer auf die Zukunft des eigenen Kindes. Er beschloss, für diese Menschen ein berufliches Umfeld zu schaffen, in dem sie ihr Potenzial verwirklichen können. Die Idee für „Auticon“ war geboren und der studierte BWLer und Software-Entwickler sattelte um.

Heute beschäftigt Auticon 34 Autisten an sechs Standorten. Von der City West aus sind Auticon-Dependancen in Frankfurt, Düsseldorf, Stuttgart, München und Hamburg entstanden, der Sprung nach London ist angedacht. In diesen Ballungszentren verknüpft Müller-Remus die Datenflut unserer Zeit mit der außergewöhnlichen Fähigkeit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, verdeckte Strukturen und Muster schnell erkennen und so Prozesse optimieren zu können. Er resümiert: „Ich will nicht sagen, dass sie bessere Softwareentwickler sind. Aber ihre Mitarbeit macht Teams besser.“

Susanne Hörr
Kluge Köpfe 2014