Nur eins, was bleibt

Sabine Riedel-Schönfeld ist systemische Unternehmensberaterin. Sie hilft Organisationen, sich hin zu mehr Agilität zu verändern. Das ist gar nicht so einfach. Denn verändern allein, reicht nicht

Sabine Riedel-Schönfeld © Annette Koroll FOTOS

„Zu viel Erfolg kann dich genauso sicher ruinieren wie zu viel Misserfolg.“ Dieser Satz stammt von Marlon Brando, Oscar-Preisträger und mehrfacher Gewinner der „Goldenen Himbeere“ als schlechtester Schauspieler. Brando hat das mit dem Erfolg gut erkannt: Er ist ein Dilemma. Wer als Schauspieler*in Erfolg hat, ein großer Star wird, verdient einerseits Millionen, zahlt andererseits auch einen hohen Preis – den Verlust der Privatsphäre zum Beispiel.

In Unternehmen gibt es ein ähnliches Problem. Auch dort kann der Erfolg einen hohen Preis haben. Nämlich den, dass „die Leute wie getrieben unterwegs sind und vorhandene Strukturen in Wachstumsphasen an ihre Grenzen stoßen“, sagt Sabine Riedel-Schönfeld. Zusammen mit ihrem vierköpfigen Team berät sie bundesweit mittelständische Unternehmen, öffentliche Einrichtungen, Wissenschaftsinstitutionen oder NGOs. „Bei vielen unserer Kunden ist tatsächlich der Erfolg das Dilemma“, erzählt die Unternehmensberaterin. Die Organisationen, die Riedel-Schönfeld berät, haben oft ein hohes Maß an Komplexität zu bewältigen, gleichzeitig fehlen Fachkräfte, hierarchische Strukturen kommen an ihre Grenzen, der Druck auf einzelne Mitarbeiter*innen steigt. Das System erhält sich, hat weiterhin Erfolg, aber zu einem hohen Preis. Laut einer Umfrage der Krankenkasse Pronova BKK fühlen sich beispielsweise neun von zehn Deutschen mittlerweile von ihrer Arbeit gestresst.

Agiles Arbeiten und selbststeuernde Organisationsformen sind die Stichworte der Stunde. Zu schnelllebig ist unsere Arbeitswelt geworden, zu komplex und zu schwankend, um Entscheidungen erst nach oben zu kommunizieren und dann wieder nach unten. Bis eine Entscheidung fällt, ist die Welt längst schon wieder eine andere. Aber: „Sie können Agilität und Selbststeuerung nicht einfach wie eine Schablone auf ein Unternehmen draufsetzen. Es geht immer darum, herauszufinden, welche Form von Selbststeuerung und Agilität die Richtige ist“, sagt die Unternehmensberaterin. Dabei geht es nicht einfach nur um Veränderung, es geht um einen tief greifenden Lernprozess. In vielen Unternehmen ist zwar der Wunsch da, Strukturen zu verändern, den Mitarbeitern*innen mehr Verantwortung, mehr Entscheidungsfreiheit zu geben. „Das in der Tiefe zu leben, ist aber oft nicht so einfach. Das erfordert einen echten Musterbruch“, sagt Riedel-Schönfeld. Einen Wandel zweiter Ordnung – Muster und Strukturen werden nicht mehr bloß optimiert, sondern komplett aufgebrochen und verändert. Das allein reicht aber nicht aus. „Die Methode allein, ohne die entsprechende Geisteshaltung, verkümmert zu einer bloßen Technik“, erläutert Riedel-Schönfeld. Genau solche Veränderungsprozesse begleitet Riedel-Schönfeld als systemische Beraterin. Dabei betrachtet sie Dynamiken und Einflussfaktoren in den Systemen, identifiziert Muster und differenziert diese gemeinsam mit dem Unternehmen. In einem iterativen Prozess  werden miteinander Antworten und neue Formen für mehr Agilität und Selbststeuerung gefunden.

Mit Umbrüchen und Veränderungen kennt sich die Berlinerin aus. „Mein eigenes (Berufs-)Leben hat sich evolutionär entwickelt. Es gab immer wieder Wendepunkte. Lernphasen, die dafür sorgten, dass Veränderung stattfand“, erzählt sie. Angefangen hat sie als Arzthelferin, arbeitete in einer Praxis und einer Klinik, später als Seiteneinsteigerin in der Immobilienbranche. Dann kam der Entschluss zu studieren, Marketing und Kommunikation, im Anschluss daran machte sie eine psychotherapeutische Ausbildung, gründete 1999 ihre eigene Unternehmensberatung. Mehrere Ausbildungen als systemische Beraterin folgten. „Ich glaube, dass ich aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen  sehr gut weiß, was Veränderung bedeutet und sensibilisiert bin, was Veränderung für Menschen in Organisationen bedeutet“, sagt Riedel-Schönfeld, die nebenbei im Studiengang Real Estate Management an der TU Berlin agiles Projektmanagement lehrt.

Erfolg hat nicht immer etwas mit dem Ergebnis zu tun. Manchmal liegt er im Mut zur Veränderung.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2018