Oberflächen mit Tiefgang

In der Schöneberger Manufaktur von Ulrich Welter entsteht Haute Couture für die Wände

Ulrich Welter Foto: WELTER ® Manufaktur für Wandunikate

Es kann schon mal passieren, dass sich Hollywood-Stars über die Arbeit von Ulrich Welter aufregen. Nicht, weil er schlecht gearbeitet hätte, sondern weil sie daneben untergehen. So wie es Sandra Bullock 2010 bei der Oscarverleihung passiert ist, als sie mit ihrem silbrig funkelnden Kleid vor Welters silbrig funkelnder Wand stand.

Die Welt der Reichen und Schönen, das ist auch die von Ulrich Welter. Nicht, weil er sich in ihrem Glanz sonnen will, sondern weil sie bezahlen können, was er in seiner Schöneberger Manufaktur herstellt. Ein Quadratmeter seiner Tapeten kostet zwischen 100 und 4000 Euro – wobei Tapete das falsche Wort ist. Wandkunst trifft es eher, denn mit dem, was man normalerweise im Baumarkt findet, hat sie nichts zu tun. „Neulich hat jemand über unsere Produkte gesagt, dass sie das Gürkchen auf dem Brötchen sind“, sagt Welter und erläutert, „Es geht im Prinzip auch ohne Gürkchen, aber mit macht es einfach mehr Spaß.“

Eine seiner neuesten Erfindungen, ein Schmuckpaneel aus Glas, dreht der 51-Jährige vorsichtig in der Hand. Es glänzt golden. Ähnliche wie dieses sind als Intarsien im Parkett eines Luxushotels eingelassen. Der Parkettleger hat nur mit dem Kopf geschüttelt, als Welter ihm von seiner Idee erzählte. Doch Grenzen sind für den Kreativen nur da, um sie auszutesten: „Man kann alles machen. Man muss es sich nur trauen“, sagt er.
2015 feiert er mit seiner Manufaktur, die auch Paneele und Schmuckteile herstellt, 30-jähriges Jubiläum. Eine stolze Zahl für jemanden, der sich sein Handwerk als Autodidakt angeeignet hat. Welter war als gelernter Werbetechniker nach Berlin gekommen und suchte einen Job, in dem er seine Interessen verbinden konnte: Bühnenbild, Film, Farben, Materialien und Malerei. Doch diesen Job fand er nicht. Und so machte er sich selbstständig – und hatte Glück: Er war im richtigen Teil der Stadt, Ku‘damm, Fasanenstraße, Olivaer Platz. Dort fand er die Kundinnen und Kunden, die nicht jeden Pfennig umdrehen mussten und ihn voller Vertrauen an ihre Wände heranließen. Nachts experimentierte der Alchemist in seiner Werkstatt mit Strukturen, tagsüber präsentierte er die Ergebnisse seiner Kundschaft.

Die Wirkstätte ist dieselbe geblieben: Die Schuhsohlenfabrik im Gewerbehof Bülowbogen hat ihre Produktion längst eingestellt, aber bei Welter in der Hexenküche brodelt es. Auf 1000 Quadratmetern entsteht hier Neues – zum Teil aus Rezepturen, die Hunderte von Jahren alt sind, zum Teil mit moderner Technik. Welters Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter grundieren, streuen, kleben, rühren, färben, spachteln, schnitzen, schleifen und gravieren. Oder sie veredeln die Produkte mit Blattmetallen – und bringen die Oberflächen mit Glassplittern und Granulaten zum Leuchten.

Auf diese Weise finden sie Lösungen für diejenigen, die mit gewöhnlichen Mitteln und normalem Interior Design nicht weiter kommen. Zum Beispiel der Kunde aus St. Petersburg, der sich 28 Quadratmeter des Bernsteinzimmers nachbauen lassen will.
Was seine Kundschaft betrifft, ist Welter verschwiegen. „Einer, der in letzter Zeit öfter in den Medien war“, „ein großes Modelabel“, „ein Luxushotel in China“, „ein mexikanischer Multimilliardär“. Er sagt, er arbeite nur mit Menschen, zu denen er auch einen Zugang finde, sonst funktioniere es nicht. Nur wenn er weiß, mit wem er es zu tun hat, weiß er auch, wie das passende Badezimmer aussehen muss. „Es passiert sehr oft, dass ich besser als der Kunde ahne, was er eigentlich will. Und dass das, was er eigentlich möchte, nicht das ist, was er mir erzählt – sondern das, zu dem ich ihm rate.“

Dabei hat er keinesfalls im Sinn, allem den Welter-Stempel aufzudrücken. Er will nicht als Messias für guten Geschmack auftreten – er habe lediglich einen Sinn für Ästhetik. „Wenn jemand sagt, ich hätte es gerne total kitschig, dann sagen wir: ‚Ok, wir machen es total kitschig, aber ästhetisch’.“ Es sei mit seinen Projekten wie mit Filmkulissen. Sie müssten zu der Person, die später darin wohnen soll, passen – und zu ihrem persönlichen Geschmack. Dass der Autodidakt allerdings ein Badezimmer mit weißen Schmuckpaneelen durchgehen lassen würde, ist fraglich. Zumindest nur dann, wenn sich jemand bewusst dafür entschieden hat. Denn weiß ist für ihn eine Farbe der Nicht-Entscheidung, etwas das herauskomme, wenn man zu feige ist, Farbe zu bekennen.

Momentan arbeitet Welter vor allem für Menschen aus dem Ausland. Aber langsam rückt sein Fokus auch wieder auf die Hauptstadt. Denn mittlerweile kommen sie wieder: Berlinerinnen und Berliner, die sich seine Wandkunst leisten wollen – und können.

Susanne Hörr
Kluge Köpfe 2013