Phasenweise

Volle Auftragsbücher zeigen: Das Unternehmen DexLeChem revolutioniert die Medikamentenherstellung – mit einem neuen Produktionsverfahren

Laborsituation Foto: DexLeChem GmbH

Sonja Jost überlegt: Soll sie das sagen, was die Leute gerne von ihr hören möchten? Oder soll sie ehrlich sein? Wie war das an jenem Tag, als ihr der Durchbruch gelang? Natürlich könne sie sich noch an den Tag erinnern. „Aber ehrlich gesagt, gefreut habe ich mich damals nicht.“ Nicht, weil Jost nicht gewollt hätte. Aber der Weg dorthin war einfach zu lang, zu arbeitsreich, begleitet von zu vielen Rückschlägen. „Erst als die Zusage für das Exist-Stipendium kam, konnte ich mich richtig freuen. Dann erst wurde das Ganze realer“, sagt sie. Fünf Jahre ist das her.

Dabei wollte Jost eigentlich gar keine Firma gründen. Das sei nie ihr  Traum gewesen, betont die charismatische Frau mit den langen, dunklen Haaren. Aber sollte ihre Forschung in der Schublade verschwinden? Sollten ihre Forschungsergebnisse nicht in der Industrie implementiert werden – obwohl sie wegweisend sind? Also dann doch ein Unternehmen: DexLeChem. Eine Ausgründung aus dem Exzellenzcluster UniCat der TU Berlin. „Wir sind ein echtes Kind der City West“, sagt Jost. Der enge Kontakt zur Universität ist für das Hightech-Start-up heute noch extrem wichtig, der Austausch mit anderen unerlässlich. Der Name DexLeChem kommt von dexter laevus und bedeutet rechts links. Und genau darum geht es auch: In der Medikamentenherstellung kommen Moleküle zum Einsatz, die Bild und Spiegelbild voneinander sind. „Das ist im Prinzip so wie bei unseren Händen“, erklärt die TU-Absolventin. Das Problem an solchen Molekülen ist, dass sie eine ganz gegensätzliche Wirkung haben können: Während das eine Molekül zum Beispiel Tuberkulose heilt, ruft das Spiegelbild Erblindung hervor. In der Chemie ist die Herstellung nur einer gewünschten Strukturvariante so etwas wie der Heilige Gral.

Bei der Herstellung eines Medikamentes kommt es darauf an, eine ganz bestimmte Struktur zu erzeugen. Das funktioniert mit Hilfe von Edelmetall-Katalysatoren. Etwa 90 % aller chemischen Erzeugnisse durchlaufen eine katalytische Stufe. „Denn die meisten Stoffe reagieren nicht einfach so miteinander“, erklärt die Unternehmerin. Das Problem: Die Katalysatoren sind extrem teuer und konnten bislang nur einmal verwendet werden. Bislang.

Die Ingenieurin fand heraus, wie sie erstmalig auch in Wasser funktio-nieren. Das entstandene Produkt kann zusammen mit einer Ölphase abgetrennt werden. Der Katalysator verbleibt in der Wasserphase und wird direkt wieder eingesetzt. Das war früher nicht möglich.
Das Verfahren revolutioniert die Medikamentenherstellung: Die Produktion wird billiger, nachhaltiger und umweltfreundlicher. Allerdings: „Ohne einen internen Verbündeten, der einem eine Chance gibt und an die Innovation glaubt, passiert gar nichts“, erklärt Jost. Denn es sei schwierig, alt eingesessene Produktionsprozesse zu ändern.Verbündete fand Jost glücklicherweise beim Schweizer Pharmahersteller Lonza, der ein erstes Referenzprojekt mit dem neuen Verfahren erfolgreich durchführte. Und mittlerweile muss Sonja Jost auch nicht mehr überlegen. Sie geht ihren Weg.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2015