Rein ins Leben

Die Grone-Schule ist eine der größten und ältesten Bildungseinrichtungen Deutschlands. Allein in Berlin ist sie an 13 Standorten vertreten – und will vor allem Jugendliche in Lohn und Brot bringen

Manuel Schulz, Dr. Hartmut Bodamer © Grone-Bildungszentren Berlin GmbH, Jonas Gross (Manuel Schulz)

Es gab einmal eine Zeit, da nannte man Frauen noch Fräuleins, bat sie zum Diktat und anschließend tippten sie das Gesagte auf der Schreibmaschine ab. Gelernt haben sie es im „Schreib- und Handels-Lehrinstitut“ von Heinrich Grone. Hamburg, Ende des 19. Jahrhunderts: Die Einwohnerzahl wächst von 300 000 auf eine Million, der Handel brummt und damit auch die Kontore. Man braucht junge, gut ausgebildete Leute – und die kommen unter anderem von Heinrich Grone. An seiner Schule unterrichtet der Handelslehrer Stenografie, Schreibmaschine und Buchhaltung. Er schließt somit eine Lücke in der Aus- und Weiterbildung des kaufmännischen Nachwuchses.

Heute, 123 Jahre später, gibt es die Grone-Schule noch immer – als gemeinnützige Stiftung, bundesweit tätig, an mehr als 200 Standorten, 13 davon in Berlin. Zu den Kernkompetenzen gehören Beratung, Bildung und Vermittlung. Grone ist nicht nur eines der ältesten, sondern auch eines der größten privaten Bildungs- und Personaldienstleistungsunternehmen Deutschlands.

Ortstermin an der Bundesallee. Hartmut Bodamer und Manuel Schulz sitzen in einem kleinen Besprechungsraum, draußen rauscht der Verkehr. Bodamer ist der Geschäftsführer der Grone-Bildungszentren Berlin GmbH. Ende des Jahres geht er in Rente, Schulz wird sein Nachfolger. Seit über einem Jahr bereiten sie den Wechsel vor. „Diese Vorgehensweise wählt nicht jedes Unternehmen. Oft gehen bei einem Wechsel wichtige Netzwerke verloren“, sagt Manuel Schulz. Das wollen die beiden vermeiden, deshalb nehmen sie seit Monaten viele Termine gemeinsam wahr. Gleichzeitig wird in der Übergangszeit auch der Grundstein für Neues gelegt. Digitalisierung heißt eines der Stichworte.

Bodamer und Schulz arbeiten in  einem Job, der oft beglückend, aber auch frustrierend sein kann. Ihr wohl wichtigstes Arbeitsfeld heißt „Übergang Schule-Beruf“. Lehrkräfte, Sozialpädagog*innen sowie Psycholog*innen versuchen, Jugendliche in Lohn und Brot zu bringen – durch Berufsorientierung, eine bbA (begleitete betriebliche Ausbildung) oder AVIBA (Aktivierung und Vermittlung mit intensiver Betreuung und Anwesenheitspflicht). Daneben bietet Grone Rehabilitations- und Aktivierungsmaßnahmen sowie Bildunsangebote für Migrant*innen an.

Haben sich die Jugendlichen in den vergangenen Jahren verändert? Bodamer überlegt: „Ich habe das Gefühl, die Jugendlichen sind mehr beladen als früher.“  Was er damit meint: Die Jugendarmut nimmt zu, viele Jugendliche sind hoch verschuldet. Hinzu kommen oft Depressionen oder andere psychische Probleme. Vermittlungshemmnisse heißt das im Fachjargon. Der Psychologe Manuel Schulz spricht von einem Problemreigen: „Man muss sich fragen, was in unserer Gesellschaft nicht stimmt.“ Das familiäre Umfeld sollte Schutz bieten. Aber das findet häufig nicht mehr statt. Nicht nur die Jugendlichen haben sich verändert, auch die Unternehmen. Sie sind offener geworden, schauen nicht mehr bloß auf gute Noten, kommen den Jugendlichen entgegen. „Trotz allem hat unser Aufwand in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen“, sagt Bodamer. Ein Paradox.

Doch in den meisten Fällen legt sich der Schalter irgendwann um. Zum Beispiel, wenn die jungen Erwachsenen eine Familie gründen und Verantwortung übernehmen müssen. Schulz sagt: „Wenn es bei den Leuten klick macht, das ist das Spannende.“

Aus den Fräuleins sind längst Frauen geworden, aus den Schreibmaschinen moderne Computer. Eines ist gleich geblieben: Es geht darum, Menschen (wieder) ins Leben zu holen.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2018