Selbst klebt die Frau

Im Alleingang hat Stefanie Brauer ihre Firma „Sticky & Sweet“ aufgezogen – und widmet sich hier dem Besonderen im Alltäglichen

© Sticky & Sweet

Eigentlich kommt Stefanie Brauer aus einer ganz anderen Welt. In dieser Welt hatte sie manchmal Panzer oder alte Dampfloks gesucht – oder Verträge mit Schauspielern aufgesetzt. Diese Welt hatte so gar nichts mit ihrer süßen und klebrigen Idee für Kinder zu tun, mit der sie sich vor einem halben Jahr selbstständig gemacht hat: superhaltbare Namenssticker und Bügeletiketten, die man über einen Online-Shop personalisieren kann. „Sticky & Sweet“ heißt ihre Firma, für die sie der Filmbranche den Rücken gekehrt hat. Der Slogan ihres Labels verrät, warum das Ganze: Damit nix mehr verloren geht!

Letztlich hat Brauer sehr viel mehr aus ihrer Zeit als Produktionsleiterin mitgenommen als es die offensichtlichen Relikte, die silbernen Aluboxen auf dem Boden ihres Büros, erahnen lassen: das Wissen zum Beispiel, wie man sucht – und findet. „Wenn man es vorher nicht weiß, dann muss man sich damit beschäftigen – und irgendwann hat man es kapiert“, sagt die Jungunternehmerin. Ein halbes Jahr hat sie zum Beispiel gebraucht, um die passende, waschmaschinenfeste Folie für ihre Sticker zu finden.

Aus ihrer Zeit beim Film weiß Stefanie Brauer auch, wie wichtig kurze Wege und direkte Kommunikation sind. Aus diesem Grund sitzen jene, mit denen sie zusammenarbeitet, in Berlin: das Graphikdesign-Büro, die Programmierer, die Druckerei und auch der Illustrator Tomek Sadurski. Er hat für sie die sechs knalligen Gesellen entworfen, die frech von den Aufklebern herunterwinken. Schon lange hatte Brauer seine Arbeiten bewundert – dann hat sie ihn einfach angerufen und gefragt, ob er mit ihr zusammenarbeiten wolle. „Es ist so wichtig, Leute zu finden, die zu einem passen“, erzählt Brauer. „Mit der Haltung, ich nehme mir mal schnell einen, der das Logo macht, funktioniert das nicht. Man muss die Arbeit der anderen kennen, um zu wissen, ob sie zur eigenen Idee passt.“

Auf die eigene Idee musste sie auch erst einmal kommen. Brauer wusste am Anfang lediglich, was sie mochte: Marken, Mode, Illustrationen, gute Verpackungen, Produkte und etwas, das man verschenken kann. Sie mochte es, aus alltäglichen Sachen etwas Besonderes zu machen. Irgendwann liefen ihr dann Aufkleber aus Kanada und den USA über den Weg und eines Nachts, im Bett, fiel ihr der Name für ihre Firma ein: „Sticky & Sweet“. „Da wusste ich, ich versuche das jetzt“, sagt Brauer. „Und wenn ich etwas mache, dann mache ich es auch zu Ende. Ich bleibe auch im Kino sitzen, wenn mir der Film nicht gefällt. Abzubrechen geht gegen meine Natur.“

Wenn der Begriff „selbstständig“ auf jemanden passt, dann ist es Stefanie Brauer. Wo andere sich auf Studien verlassen, stürzt sie sich ins Getümmel und betreibt Feldforschung. Brauer wusste zwar, dass ihre eigene Tochter die Sticky & Sweet-Charaktere mochte, aber sie wollte auch die Meinung der anderen hören. Aus der Produktionsleiterin wurde zunächst eine Angestellte auf Zeit. An ihrem vorübergehenden Arbeitsplatz in einem Kindermodegeschäft fand sie so unter anderem heraus, dass vor allem Mädchen bis fünf Jahre die pinke Figur süß finden, dann setze nämlich langsam die „Rosaallergie“ ein.

Von ihrem Büro im Charlottenburger Innovations-Centrum (CHIC) aus zieht die Jungunternehmerin momentan alle Strippen selbst – und das nicht nur aus Budgetgründen. Bevor sie die Arbeit abgibt, will sie selbst wissen, wie es funktioniert. „Erstmal selber machen – damit bin ich eigentlich immer gut gefahren“, sagt Brauer. Noch verpackt sie ihre Sticker selbst, verschickt sie und schaltet die Anzeigen. Auf der Deutschlandkarte, die hinter ihr an der Wand hängt, markieren kleine Fähnchen die Reichweite ihrer Anzeigen und die Orte, von denen schon bestellt worden ist. Zurzeit konzentriert sich Brauer noch auf Deutschland, Ös-terreich und die Schweiz, aber auch aus Moskau, China und den USA haben schon die ersten in ihrem Online Shop bestellt.

Wohl weil sie sich auf das Kalkulieren und Planen so gut versteht, ist Brauer viele Dinge richtig angegangen. Doch den Online Shop hatte sie gehörig unterschätzt: „Es ist eigentlich so, als mache man einen richtigen Laden auf: Auch da muss man permanent die Schaufenster neu einrichten, Regale anbringen oder das Lager aufräumen.“ Mit dem Labelmaker können die Kundinnen und Kunden hier ihre Sticker individuell gestalten, Charaktere und eine Hintergrundfarbe auswählen: Den blauen Zurückhaltenden mit der geschwungenen Augenbraue zum Beispiel oder den gefräßigen Orangefarbenen. Die Figuren sind plastisch. Man sieht es ihnen an, dass jeder von ihnen eine Geschichte hat – aber die erzählt Brauer noch nicht. „Das kommt als Nächstes: Wie sie heißen, was sie mögen, in welcher Welt sie leben...“ Und wer weiß, vielleicht ist es ja dieselbe, aus der Stefanie Brauer stammt: die Welt des Films.

Susanne Hörr
Kluge Köpfe 2013