Tänzer zwischen den Welten

Man kann auf Carsten Gollnick fast überall treffen: In Hollywood-Filmen, in Restaurants und Hotels. Er ist ein viel gefragter Industriedesigner

Carsten Gollnick Foto: Martin Peterdamm

Manch einer würde wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und empört rufen: Kreativität und Kompromiss? Das kann nicht sein. Das darf nicht sein! Carsten Gollnick steht in seinem Büro im Gewerbehof Bülowbogen. Vor ihm ein großes Fenster mit Blick in den Hof, auf dem Boden ein niedriges Regal mit Tellern und Tassen, Gläsern und Schalen in verschiedenen Größen, Farben und Formen. Kaffee- und Espressomaschinen stehen herum, Lampen, Aufbewahrungskisten, Garnmuster und Farbproben für Teppich-böden. Alles von ihm entworfen – und mittlerweile vielfach preisgekrönt. Carsten Gollnick überlegt, lächelt kurz und zitiert dann Walter Gropius, der einmal sagte: Gestalten sei wie Tanzen in Fesseln.

Gollnick weiß nur zu gut, was Gropius mit diesem Satz meinte. Der 47-Jährige ist Industriedesigner. In seinem Job bewegt er sich in einem ständigen Spannungsfeld: Da sind die Wünsche der Unternehmen, die Vorstellungen der Marketing-Leute, die eigenen Entwürfe – und natürlich die Ingenieurinnen und Ingenieure. Nicht alles, was gut aussieht, ist technisch umsetzbar oder alltagstauglich, sowie zum Beispiel bei den Kaffeemaschinen. Keine Idee kommt an den IngenieurInnen ohne weiteres vorbei. Nur selten gehe ein Entwurf zu 100 Prozent durch. Für manche Designerseele ist das die Horror-Vorstellung schlechthin. Gollnick sieht die Zusammenarbeit aber positiv. Als eine Reibungsfläche, an der man nicht nur sich selbst, sondern auch das Produkt weiterentwickeln könne. Die Philosophie des gebürtigen Berliners: „Design hat etwas mit Verantwortung zu tun.“ Es gehe eben nicht um das Ego, sondern um das bestmöglichste Ergebnis. Mehrere Jahre kann die Entwicklung eines neuen Produkts dauern, mehrere Millionen Euro verschlingen und am Ende vielleicht sogar Arbeitsplätze kosten. „Denn wehe, das verkauft sich nicht“, sagt Gollnick. Dann sei der Misserfolg auch immer ein Stück weit dem Designer anzulasten.

Doch Carsten Gollnick scheint die Tanzschritte perfekt zu beherrschen. Er weiß, wann es Zeit ist zu führen – und wann man besser dem Partner das Parkett überlässt. Seit zehn Jahren sind einige seiner Designs mittlerweile im Dauereinsatz, zum Beispiel in Restaurants oder großen Hotels. Kein schlechtes Zeichen, wie der Designer findet. Für Ligne Roset und WMF hat Gollnick schon designt. Genauso wie für Walter Knoll oder Mont Blanc. Funktionalität ist für ihn dabei Pflicht. Doch er will mehr. Seine Designs sollen die Lebenskultur bereichern, Spaß machen und Sinnlichkeit vermitteln. Die Holzkisten aus der Kollektion Rêve d´Édo, die er zusammen mit dem Designer Peter Maly entworfen hat, haben es sogar schon in einen Hollywood-Streifen geschafft. Sie stehen im Büro der fiesen Miranda Priestly im Film „Der Teufel trägt Prada“.

Seit elf Jahren ist der 47-Jährige zurück in seiner Heimatstadt. Studiert hatte er in Braunschweig. Vor allem deshalb, weil die UdK Berlin damals noch nicht jene Ausrichtung hatte, die Gollnick sich für seine Ausbildung gewünscht hätte. Danach folgte das erste Büro in Hamburg. Doch es zog ihn wieder zurück zu den Wurzeln, auch der Familie wegen. Seit damals hat er sein Büro im Gewerbehof Bülowbogen. Die Gegend sei auf den ersten Blick vielleicht nicht „die holde Quelle der Inspiration“. Aber Gollnick findet in der City West genau das, was er für seine Arbeit braucht: Ruhe. Die Arbeit eines Designers habe wenig mit dem verklärten Bild zu tun, das allzu oft in der Öffentlichkeit kursiere. „Design ist vor allem harte Arbeit, ein Knochenjob“, sagt Gollnick. Dennoch, er würde mit niemandem tauschen.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2013