Von einem, der auszog, das Gründen zu lehren

Berlin ist Deutschlands Hotspot junger Start-ups. Daniel-Jan Girl unterstützt und vernetzt sie dabei im Auftrag der IHK – und profitiert von seinem eigenen Weg als Gründer

Daniel-Jan Girl © IHK Berlin

Nein, viel Zeit für das übliche Geplänkel am Beginn eines Gespräches nimmt er sich nicht, kein Small Talk über das Wetter oder den Verkehr, kein langsames Herantasten an den Gesprächspartner. Daniel-Jan Girl weiß, was er zu sagen hat, ganz ohne Umschweife. „Kurzer shortcut zu mir“, beginnt er und erzählt vom Weg eines Berliners, der auszog, der Stadt das Gründen zu lehren. Wäre er es nicht längst, müsste für ihn die Aufgabe eines Start-up-Beraters erfunden werden. Der 36-Jährige unterstützt ehrenamtlich junge Gründer*innen im Auftrag der Berliner Industrie- und Handelskammer und gibt seine Erfahrungen in der Gründerszene weiter. Und an Erfahrungen ist er reich: Nach einer Kaufmannslehre zieht er mit seinen Mitbewohnern ein kleines Unternehmen auf, das schnell zur größten Party-Community Deutschlands heranwächst. Vor 15 Jahren war der Begriff Start-up noch nicht üblich, die Leidenschaft, mit der Girl und seine Mitbewohner ihre WG in ein Büro umfunktionieren und Geld investieren, das sie sich hart als Aushilfen an Supermarktkassen erarbeitet haben, wohl auch nicht.

„Wir haben damals gelernt, wie wichtig Kundenbindung ist und begannen bald damit, andere zu beraten“, sagt Girl, der so schnell wie gestenreich spricht. Daraus entwickelte sich die nächste Geschäftsidee: Er gründet die „Deutsche Gesellschaft für multimediale Kundenbindungssysteme“ (DGMK), deren Geschäftsführer er heute noch ist.

2008 konzentriert er sich auf ein anderes Projekt, weil er herausfinden will, „wie die Erinnerung an den Holocaust kontinuierlich gestaltet werden kann“. Also organisiert er ein Konzert inmitten des Holocaust-Denkmals, in dem sich das Publikum zwischen den im Stelenfeld verteilten Musiker*innen frei bewegen kann. Das einmalige Konzert lässt sich heute mit einer Smartphone-App nacherleben, per GPS-Koordinaten wird die Position des Nutzenden am Mahnmal lokalisiert – jede Position sorgt für einen anderen Klang, ganz so, als seien die Musiker*innen noch immer da. Es ist das erste virtuelle Konzert der Welt – und über eingepflasterte QR-Codes, auch das eine Idee Girls, für jeden Gast abrufbar. Er hat nicht nur bei diesem Projekt gelernt, wie groß die bürokratischen Widerstände sein können, in einer Stadt, deren zuweilen behäbiges Innovationstempo manchmal schwer zu ertragen gewesen sei.

Doch der gebürtige Wilmersdorfer glaubt daran, dass seine Stadt einmal an die industrielle Größe des 19. Jahrhunderts anknüpfen wird und sieht sie schon auf gutem Weg dahin: „Wir sind hier einer der wichtigsten Start-up-hubs der Welt. In Europa ist nur London besser mit Venture-Kapital für junge Unternehmen ausgestattet.“ Doch Probleme sieht er im schwachen Unternehmensgeist vieler: Er selbst habe in der Schule nur Unternehmer gesehen, die einen Zylinder trugen und vor rauchenden Schloten standen. Zumindest das will Girl ändern und engagiert sich seit Jahren an Schulen, wo er Vorträge hält, über mutige Ideen sowie solide Businesspläne spricht – und über das Scheitern. „Wir brauchen Leute, die Erfahrung mit Scheitern haben“, sagt er. Gründer*innen mit Ideen will er mit bereits etablierten Unternehmen vernetzen, die ihr Kapital und ihre Erfahrung einbringen können. Die Lust aufs Gründen wächst, das liest er auch in den E-Mails, die ihn wöchentlich erreichen und in denen Menschen ihn um Rat fragen. Eines rät Girl allen: „Keine Idee ist zum Scheitern verurteilt, solange man an sie glaubt.“ Er selbst ist dafür ein Beispiel.

Michael Sellge
Kluge Köpfe 2017