Weltverbesserer mit Windes Kraft

Wie ein Berliner Start-up Millionen Menschen ohne Strom mit kleinen Windkraftanlagen zu sauberer Energie verhelfen will

Helge Sieberichs, Andreas Amberger, Dr. Till Naumann (v. l.) © MOWEA GmbH

Mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt haben keinen Zugang zu Strom. Das heißt: kein Licht, keinen Kühlschrank, keinen Computer. Archaische Zustände, die unvorstellbar sind in Europa, wo Strom aus der Steckdose eine Selbstverständlichkeit ist. Von Regierungen wird zu wenig unternommen, so beklagen es die Vereinten Nationen, um auch die Armen mit Energie zu versorgen.

Vielleicht wird es bald ein Berliner Start-up sein, das diese Ungerechtigkeit zu bezwingen hilft. Denn in einem Büro auf dem Gelände der TU Berlin arbeiten Till Naumann und seine Mitstreiter*innen in ihrem jungen Unternehmen Mowea an einem Projekt, das Energie für jedermann erschwinglich machen könnte.

„Kleine Windkraftanlagen sollen Haushalte in die Lage versetzen, autark Strom zu produzieren“, sagt Naumann. Die Idee ist freilich nicht neu, krankte aber bislang an zwei Problemen: Die Anschaffungskosten für solche kleinen Windkraftanlagen waren viel zu hoch und die Anlagen arbeiteten zu unwirtschaftlich. Mowea hat sich deshalb auf diese Mängel fokussiert und glaubt, endlich Lösungen gefunden zu haben.

Der 39-Jährige hat seine Karriere dem Wind verschrieben: Naumann studierte an der TU Berlin und promovierte zur Aerodynamik kleiner Windkraftanlagen. Er forschte an Mini-Rotorblättern und testete sie im Windkanal. Mit dem Regelungstechniker Andreas Amberger fand er schließlich einen Geschäftspartner, der an effizienteren Generatoren für Windkraftanlagen tüftelte und seine Vision teilte.

Was als Teilnahme an einem Ideenwettbewerb des Bundes begann, reifte in einer Kooperation mit der TU Berlin, der Hochschule für Wirtschaft und Recht sowie einigen Firmen zur Gründung des Start-ups Mowea. Es ist eines der wenigen, die Hardware-Produkte anbieten und nicht nur digitale Dienstleistungen. „Wir haben längere Entwicklungsphasen und einen höheren Kapitalbedarf und brauchen mehr Geduld als rein digitale Start-ups“, sagt Naumann. Doch individuelle und autarke Energieversorgung wird für viele Unternehmen immer wichtiger. Ohnehin ist Energie ein „Jahrhundertthema“, wie Naumann es nennt.

Die Windkraftanlagen von Mowea bestehen aus standardisierten Kernkomponenten, die im Spritzgussverfahren hergestellt werden und wegen ihrer ausgefeilten Technik um bis zu 10 bis 15 Prozent effizienter arbeiten, als die Anlagen anderer Unternehmen. Verantwortlich ist dafür auch ein Generator, der die Drehzahl des Rotors nach der Windgeschwindigkeit ausrichtet. Mowea bietet dabei Modullösungen an: Weitere Komponenten können nach und nach hinzugefügt werden, um noch mehr Energie zu erzeugen.

Naumann und seine Kolleg*innen denken aber nicht nur an die Erzeugung, sondern auch an die Speicherung von Wind: „Gebrauchte Akkumulatoren aus Industrieländern können vielen Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern noch zu sehr viel Licht verhelfen.“ Obwohl erst im vergangenen Herbst gegründet, ist bereits ein indisches Unternehmen als strategischer Investor eingestiegen, zudem gibt es mit einem Telekommunikationsanbieter einen ersten großen Kunden, der seine Empfangsmasten mit Windkraft von Mowea betreiben will. Viel Rückenwind für die Berliner, die die Welt ein Stück besser machen wollen.

Michael Sellge
Kluge Köpfe 2017