Wir müssen mal reden

Walter Schaff war viele Jahre lang Personalchef beim Automobilhersteller Daimler. Dann kündigte er seinen Job. Er wagte einen Neustart und gründete die internationale Online-Beratung talknow

Walter Schaff © Talknow, Jarek Raczek

In Baden-Württemberg gilt die Devise: Wer einmal „beim Daimler schafft“, der bleibt auch beim Daimler. Da hat man beruflich sozusagen lebenslänglich – in der schwäbischen Vorstellung ein äußerst wünschenswerter Zustand. Schließlich, so denkt der Schwabe, ist der Automobilhersteller mit dem Stern ja nicht einfach irgendwas, sondern was recht Gescheites.

Walter Schaff hat mehr als 20 Jahre für eben diesen Automobilhersteller gearbeitet, er war Direktor der Abteilung Human Resources und unter anderem für die Personalleitung in Asien verantwortlich. Nun sitzt Walter Schaff auf einem großen Sofa in seinem Charlottenburger Büro und sagt: „Die, die mich kennen, waren nicht besonders verwundert.“ Wer etwas gestalten wolle, etwas Eigenes schaffen, der tue sich in solchen großen Firmen auf Dauer schwer. „Solche Unternehmen folgen anderen Logiken. Da geht es um Vieles, aber manchmal nicht mehr um die Sache“, erzählt Schaff, der gebürtig aus Gottmadingen stammt, einer 10 000 Seelen-Gemeinde am Bodensee. Er kündigt seinen Job ohne Groll oder Unzufriedenheit, wie er betont. „Ich hatte einfach den Drang, etwas ganz Neues zu machen.“

Das machte er dann auch und gründete 2017 die internationale Online-Beratung talknow. Die Idee dahinter: Schaff und sein Team wollen interdisziplinäre Beratung zu den wichtigen Fragen im Leben anbieten. „Es geht nicht um Therapie oder um die Behandlung von pathologischen Auffälligkeiten“, sagt Schaff. Es gehe darum, Menschen in schwierigen Lebenslagen zu beraten, Hilfestellung und Orientierung zu bieten. Das kann beispielsweise  Beratung beim Jobwechsel sein, Motivationshilfen, aber auch Unterstützung bei Beziehungsproblemen, Liebeskummer oder sexuellen Schwierigkeiten. „Viele Probleme lassen sich mit zwei oder drei Gesprächen lösen. Aber man braucht eben jemanden, mit dem man darüber sprechen kann, der das Problem nicht stigmatisiert und dessen Ratschläge nicht nur gut gemeint, sondern auch professionell fundiert sind“, erklärt Schaff.

Mit im Team sind Psychologen*innen und Unternehmensberater*innen, Sportmediziner*innen oder Ernährungsexperten*innen. Die Beratung läuft online – über Video, Chat, Telefon, wer will, kann das Angebot auch anonym nutzen. Über die Internetseite wählt man dazu einen Berater aus. Die kommen momentan vor allem aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz. „Wir haben aber auch Berater in Großbritannien, Italien, China und Nepal. Die internationale Ausrichtung ist uns gerade für die künftige Entwicklung sehr wichtig“, erzählt der Firmengründer. Aus 14 Sprachen können die Kunden derzeit auswählen, Tendenz steigend. Neben der Sprache kann weiter gefiltert werden: Man kann das Geschlecht der Berater wählen, den Beratungsschwerpunkt sowie die Berufserfahrung. Online wird ein Termin vereinbart, die ersten zehn Minuten der Sitzung sind kostenlos. „Man muss sich ja kennenlernen und schauen, ob die Chemie stimmt“, erklärt Schaff. Wenn sie nicht stimmt, kann das Gespräch kostenlos abgebrochen werden.

Die Auswahl der talknow-Berater ist dabei ein aufwendiger Prozess. Schaff und sein Team legen Wert auf umfassende fachliche Expertise und solide Berufserfahrung. Dazu gibt es  mindestens ein persönliches Treffen in Berlin. „Da trennt sich schon die Spreu vom Weizen. Und der Community-Gedanke spielt bei uns eine große Rolle“, sagt er. Nicht jeder könne oder wolle das mittragen. Zudem bieten wir eine spezielle Schulung in der Online-Beratung sowie verschiedene Weiterbildungsmöglichkeiten.  

Mit dem Angebot will talknow nicht nur internationale Beratung anbieten, es soll Betroffenen vor allem die Möglichkeit geben, zeitnah und unkompliziert einen Beratungstermin zu bekommen. „Das ist in Berlin zum Beispiel ein echtes Problem“, sagt Schaff. Mit der Online-Beratung kann diese Versorgungslücke geschlossen werden.  

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2018