Wo aus Wissenschaft Unternehmen werden

Dieter Bimberg gilt als „Lord of the Nanos“, der in seinem Gebiet viel geleistet hat – neben Fachlichem vor allem eines: Starthilfe

Justierung eines Laserstrahlenganges in der Nanophotonik © TU Berlin/Dahl

Er sei Hebamme, sagt Prof. Dr. Bimberg über sich selbst. Doch wer sich auf den Weg zu seinem Büro macht, vorbei an den „Kreißsälen“, dem wird schnell klar, dass ein Geburtshelfer der anderen Art gemeint ist. „Vorsicht Lebensgefahr“ steht da an den Laboren im Institut für Festköperphysik der Technischen Universität Berlin (TU), wo Dieter Bimberg das Zentrum für Nanophotonik leitet: „Wir sind sozusagen die Kinderkrippe, aber wir wollen natürlich, dass sie irgendwann laufen lernen und nicht ewig in der Wiege liegen.“ „Sie“ sind frisch gebackene oder promovierte Physikerinnen und Physiker, die zwei Dinge haben: eine brillante Idee und das Zeug zur Ausgründung. Bei Letzterem hilft ihnen Dieter Bimberg.

Der Physiker ist im Bereich der Nanophotonik die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Nicht selten war es Bimberg, der heute erfolgreichen Firmeninhabern den nötigen Schubs in Richtung Unternehmertum gegeben hat. „Eine Ausgründung ist ein Fulltime-Job. Das können Sie nicht so nebenbei machen und ich bin Hochschullehrer und kein Kaufmann“, sagt der Leiter einer fast 30-köpfigen Arbeitsgruppe, „Da ist es doch gut, wenn jüngere Leute die Chance haben, eine Firma zu gründen.“

Zwei der Firmen, deren Gründung Bimberg unterstützt hat, sind PBC Lasers und VI Systems. Prof. Dr. Nikolay Ledentsov, der als Humboldt-Fellow am Lehrstuhl von Prof. Bimberg geforscht hat, hat sich mittlerweile abgeseilt – wenn auch nicht weit. Er ist mit seinem Team von der VI Systems GmbH auf die andere Straßenseite in die Hardenbergstraße 7 gezogen, wo er schnelle Laser und elektrisch-optische Komponenten für die Datenübertragung entwickelt.

Die PBC Lasers GmbH fertigt Hochleistungslaser für die Materialbearbeitung und sitzt ebenfalls in Charlottenburg – derzeit noch im gleichen Gebäude wie Dieter Bimberg. Denn die Teams junger TU-Ausgründungen dürfen vorerst ihre alten Büros behalten und auch die Hightech-Labore gegen Bezahlung nutzen. „Auf diese Weise können wir die Labore auch am Wochenende auslasten. Die TU hilft den Leuten kostendeckend – nicht kostenlos. Umgekehrt haben die Ausgründungen den Riesenvorteil, dass sie Millioneninvestitionen nutzen können, ohne sie selbst zu tätigen“, so Bimberg, der die jungen Unternehmerinnen und Unternehmer darüber hinaus nicht nur mit gut ausgebildetem Nachwuchs und wissenschaftlichen Know-how unterstützt.

Denn er kennt die Mechanismen in dem Geschäft, weiß, wie man Patente anmeldet und Gelder akquiriert. „Oft wird unterschätzt, wie wichtig es ist, Kontakte zu haben. Und große Netzwerke haben in der Regel die Älteren“, sagt der weiterhin voll an der TU Beschäftigte 70-Jährige. Letztlich profitiere auch der Staat und damit die Gesellschaft von derartigen Kooperationen: Ihm fließen durch die neu gegründeten Firmen Steuern zu; Gelder also, die er einst als öffentliche Mittel in die Forschung gesteckt hat.

Neben PBC Lasers und VI Systems sind in Berlin viele andere Firmen im Bereich der Optik aktiv – wie zum Beispiel u2t photonics (siehe folgende Seite), laytec und viele andere. Sie bilden gemeinsam mit wissenschaftlichen Einrichtungen wie dem Heinrich-Hertz-Institut der Fraunhofer-Gesellschaft oder dem Ferdinand-Braun-Institut für Höchstfrequenztechnik das Berliner Optics Valley an Wissen und Industrie. Obwohl die Berliner Unternehmen im Bereich der Nanophotonik längst weltweit operieren, kann man sie zu Hause sogar fußläufig erreichen. Die Nähe der Infrastruktur sei ein nicht zu unterschätzender Vorteil, so Bimberg: „Berlin ist gar nicht arm und sexy, sondern ziemlich reich – an einer großartigen Gründerszene.“

Susanne Hörr
Kluge Köpfe 2012