Lebensläufe in der City West

In diesem Jahr wird besonders viel über neue Unternehmensgründungen und großzügig mit Risikokapital ausgestattete Start-ups gesprochen und das aus gutem Grund. Berlin hat sich europaweit einen Ruf als Gründermetropole gemacht. Das erfüllt die Akteure zu Recht mit Stolz. Daneben gibt es sie aber noch - die old economy. Aus diesem Grund lenkt das Regionalmanagement bewusst den Blick auf alt eingesessene Unternehmerfamilien in der CITY WEST.

Die CITY WEST von Berlin atmet Geschichte und Geschichten. Hinter den Geschichten stehen Lebensläufe, die von der Liebe zum Wohn- oder Arbeitsort zeugen und einen Eindruck von der vorherrschenden Stabilität, aber auch vom stetigen Wandel in der Stadt vermitteln. Fast die Hälfte der Berlinerinnen und Berliner haben seit der Wende ihren Lebensmittelpunkt verändert. Wer also darf für sich in Anspruch nehmen, ein richtiger Berliner zur sein? Berliner ist man, so heißt es, wenn man als Zugereister am Wochenende nicht mehr „nach Hause“ fährt. Also schon nach ein bis zwei Jahren.

Nachfolgende Personen haben einen Großteil ihres Lebens in der CITY WEST gewohnt oder gearbeitet. Sie kennen ihre Nachbarn, die Geschäfte und die Straßen und Plätze. Sie haben über Jahre oder Jahrzehnte das Leben der Stadt mit geprägt und dafür gesorgt, dass sich Berliner*innen und auch Tourist*innen wohl fühlen konnten. Sie stehen mitten im Leben oder auch am Ende ihrer Berufstätigkeit. Sie haben immer noch neue Pläne und sind auch nach Jahren der Stadt nicht überdrüssig geworden. Sie beschreiben einen urbanen und lebenswerten Standort, der immer internationaler wird.

Familie Heising

Edelgard und Bernhard Heising sind mit ihrem Restaurant seit Jahrzehnten eine Institution in der Rankestraße, nahe dem Kurfürstendamm. Im Jahr 1979 haben sich die Beiden aus Leidenschaft für die klassische französische Küche für eine Zukunft als Gastgeber entschieden. Seitdem zaubern sie Hochgenuss aus frischen Produkten, ohne moderne Trends oder experimentelle Risiken.

Die Speisen werden auf handbemaltem KPM-Porzellan serviert, auf den Tischen stehen kleine Vasen mit Rosen und silberne Kerzenleuchter. Behaglichkeit stellt sich automatisch ein durch den offenen Florentiner Kamin, runde Holztische und mit Holzpaneelen und Seidentapete bespannten Wände. "Wir wollten unsere Gäste so bedienen, wie wir das zu Hause auch machen", sagt Chefin Edelgard Heising. Für die französische Küche hätten sie sich entschieden, weil sie die besonders mögen. "Wir waren oft im Urlaub in Frankreich und haben dort jedes Mal ausgesprochen gut gegessen."

Das Menü-Angebot kann individuell variiert werden und reicht von Vorspeisen bis zu hausgemachten Pralinen. Und natürlich steht der Hausherr mit profunden Weinkenntnissen und einem unglaublichen Weinlager irgendwo in den Tiefen des Kellers bei der Getränkeauswahl zur Verfügung. Überwiegend Stammgäste schätzen den Charme des Restaurants. "Touristen sind selten bereit, mal eben so ein Drei-Gänge-Menü zu bestellen. Man muss am Eingang klingeln, um hereinzukommen. Unsere Klientel sind die bürgerlichen Berliner, häufig Künstler, Geschäftsleute oder Wissenschaftler“, so Bernhard Heising. „Und der Betrieb soll noch lange weitergehen, unsere Tochter Franziska unterstützt uns tatkräftig und führt unsere Familientradition fort.“

Restaurant Heising, Rankestraße 32, 10789 Berlin
www.restaurant-heising.de

Bild: Familie Heising in ihrem Restaurant

Alexandra und Meike Kordes

Das gemeinsam von uns als Schwestern geführte Produktionsunternehmen für Film ist seit 2003 in der Schöneberger Crellestraße ansässig. Unsere Büroräume befinden sich in einem schönen und gewachsenen Kiez, in dem sich Wohnen und Arbeiten gut miteinander verbinden lassen. Ausschlaggebend für den Standort war damals die verkehrsgünstige Lage im Westteil der Stadt und die gute Erreichbarkeit von Potsdam-Babelsberg. Unsere Kunden sind keine Laufkundschaft, wir haben nationale und internationale Geschäftspartner.

Kordes & Kordes Film ist sowohl im Fernseh- als auch im Dokumentarfilmbereich erfolgreich tätig. Eine Reihe an Spielfilmstoffen für das Kino und Fernsehen befindet sich derzeit in Entwicklung. Dabei ist es unser Ziel, in enger Zusammenarbeit mit außergewöhnlichen Regisseuren und Autoren publikumsnahe und anspruchsvolle Filme zu produzieren. Ein bisschen stolz sind wir natürlich auf den Deutschen Filmpreis 2007 für „VIER MINUTEN“  und das Historiendrama „POLL“, das 2011 mit drei Bayerischen Filmpreisen und vier Deutschen Filmpreisen ausgezeichnet wurde.

Unsere beruflichen Verflechtungen reichen als Mitglieder in die Deutsche und Europäische Filmakademie und als Vorstandsmitglied in der Produzentenallianz in der Sektion Kino und als Kommissionsmitglied im Vergabeausschuss in die FFA – Filmförderungsanstalt.  Auch was den Nachwuchs betrifft, engagieren wir uns, wie zum Beispiel als Dozentin in der Münchner Drehbuchwerkstatt.

Berlin ist unser Arbeits- und Lebensmittelpunkt, Kordes & Kordes Film ist aber auch seit vielen Jahren in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg mit Firmensitzen vertreten.

Kordes & Kordes Film, Film- und Fernsehproduktion, Crellestr. 19/20, 10827 Berlin
www.kordesfilm.de

Bild: Alexandra und Meike Kordes (v.l.)

Cornelia Hüppe

Krimis haben mich schon immer fasziniert. Und Miss Marple, eine altmodische Dame vom Lande aus der traditionellen britischen Gesellschaft, ganz besonders. Darüber hinaus ist die Filmdarstellerin Margret Rutherford mit ihrer Durchsetzungskraft und Wissbegier eine beeindruckende Person. Deshalb habe ich meine Krimibuchhandlung auch nach ihr benannt.   

Meinen Buchladen gibt es bereits seit November 2002 in der City West. Ich wohne und arbeite hier. Eigentlich bin ich eine typische Kiezpflanze und gehe kaum in einen anderen Kiez, denn alle Geschäfte, Kinos, meine Lieblingscafés und Restaurants sind hier. Wenn ich zum Beispiel morgens beim Bäcker einen Kunden treffe, kann er mir gleich einen Buchwunsch mitteilen oder wir quatschen noch etwas über das letzte von ihm gekaufte Buch. Mein Kundenspektrum ist sehr breit gefächert, durch meine Leseveranstaltungen kommen immer sehr unterschiedliche Gäste in den Laden, nicht nur der klassische Krimileser, es gibt eine Altersmischung von 6 - 90 Jahren.

Die Nachbarschaft rund um den Karl-August-Platz ist mir sehr wichtig. Für meine Nachbarn bin ich einfach "Miss Marple", so werde ich auch begrüßt. Für sie bin ich so eine Anlaufstation geworden, manchmal kommen die Leute einfach nur zum Reden, ich passe auf Kinder auf, bewahre Schlüssel auf, habe Tipps für Touristen wo sie um die Ecke guten Kuchen bekommen und manchmal muss ich einfach nur trösten - was ich vorzugsweise gerne mit einem guten Krimi mache. Die persönliche Ansprache ist heute wichtiger denn je und ich bin da halt noch eine altmodische Vertreterin.
 
Miss Marple, Die Krimibuchhandlung, Weimarer Str.17, 10625 Berlin
www.krimi-marple.de

Gina Massey und Ralf Bentlin

Die Handarbeit steht bei uns seit 100 Jahren an erster Stelle. Nach dem Tod unserer Großmutter im Jahr 2005 haben wir die Geschäftsführung des Traditionsbetriebes Wald Königsberger Marzipan übernommen und bedienen ein breit gefächertes Publikum. Zu unseren Kunden gehörten alte Westberliner Schauspielergrößen wie Harald Juhnke und Loriot und natürlich bis heute Prominente und Politiker aus Berlin.

Das Fundament unseres Geschäftes legte der 1905 in Königsberg geborene Konditormeister Paul Wald. Er kam 1939 nach Berlin, heiratete 1941 unsere spätere Großmutter Irmgard Radant und gründete mit ihr das erfolgreiche Familienunternehmen unter dem Namen Wald. Nach dem Tod ihres Mannes machte die hinterbliebene Witwe 1985 die Konditor-Meisterprüfung und führte die Marzipanbäckerei erfolgreich weiter.

Unser Geschäft in der Pestalozzistraße 54a in Charlottenburg sieht noch aus wie anno dazumal. Und selbstverständlich werden unsere Produkte von Hand gefertigt und enthalten keine Konservierungsstoffe oder chemische Zusatzstoffe. Den außergewöhnlichen Geschmack erhält unser Königsberger Marzipan neben dem "Abflämmen" durch die Rezeptur, die seit mehr als 100 Jahren im Familienbesitz ist und wie ein Schatz gehütet wird. Jedes Jahr verarbeiten wir etwa 3 Tonnen Mandeln und verstärken unser Team in  der Vorweihnachtszeit von 3 auf bis zu 10 Personen, um die vielen Bestellungen termingerecht ausliefern zu können. Selbst der Sultan von Oman hat bereits einmal bei uns bestellt. Unsere Kunden bestellen das Königsberger Marzipan aus allen Erdteilen und lieben den Geschmack der Heimat, insbesondere natürlich zu Weihnachten.

Wald Königsberger Marzipan, Bentlin & Massey GbR, Pestalozzistr 54a, 10627 Berlin
www.wald-koenigsberger-marzipan.de

Isolde Josipovici

Ich bin seit 1977 in einem der schönsten Bereiche der CITY WEST, in der Bleibtreustraße 19 nahe am Kurfürstendamm, beruftstätig gewesen. Als Inhaberin der Pension Kettler habe ich über vier Jahrzehnte mehrere Zimmer meiner 250 m² großen Wohnung an Gäste vermietet. Etagen-Pensionen gab es ja in den großbürgerlichen Charlottenburger Wohnungen schon seit langem, die gehören zur Westberliner Geschichte. Mein in den 1980er Jahren verstorbener Ehemann Leon Josipovici hatte die Wohnung gekauft. Er war dreimal so alt wie ich, als ich ihn mit 18 kennenlernte und arbeitete als Kunsthändler. Ich komme gebürtig aus der Pfalz, war früher einmal als Mannequin tätig und später vierzig Jahre lang Hausherrin und Gastgeberin für Stammkunden in der Pension Kettler. Neben meinen Gästekontakten gab es natürlich gute Beziehungen zu Kolleginnen und Kollegen, wie der Pension Gudrun in der Bleibtreustraße 17.

Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf und seine Nachkriegsgeschichte haben mich schon immer interessiert. Nehmen wir doch mal den Ernst-Reuter-Platz, eine der großartigsten Stellen in der CITY WEST mit einer modernen Brunnenanlage. Als das Wasserbecken nicht mehr funktionstüchtig war, hat mich das so geärgert, dass ich Geld gesammelt habe und mich für die Sanierung engagieren musste. Ich konnte gar nicht anders. Ich habe die Kacheln, die bei der Sanierung anfielen bemalt, als Souvenirs an meine Gäste verkauft und das Geld an den Bezirk gespendet, damit der Brunnen wieder fließt. Deshalb werde ich auch die "Brunnenfee" genannt. Es geht doch nicht, dass man in der Stadt die Brunnen abstellt.

Heute bin ich im Ruhestand und genieße mein Westberlin, auch die vielen Touristen die jetzt herkommen und sich rund um den KuDamm tummeln. Die Internationalität hat Berlin schon immer gut zu Gesicht gestanden.

Bild: Isolde Josipovici setzt sich für den Erhalt der Brunnen auf dem Ernst-Reuter-Platz ein.